Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Article
- Geschichte des Achtzehngebets
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 354 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829760-2829765-2884040--31487-2884121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
354 Geschichte des Achtzehngebets. den Minäern zu verstehen hat, und welche Veranlassung für R. Gamliel vorlag, für ihren Untergang beten zu lassen, darüber ist eine ausserordentlich grosse Litteratur vorhanden, die uns jedoch nicht in den Stand setzt, anderes als mehr oder minder gesicherte Vermuthungen darüber auszuspreehen. Dem Zeugnis der talmudischen Quellen nach beschränkte sich die Bitte nicht auf die Minäer, sondern war auch gegen die Abtrünnigen1), פושעים, gerichtet. Eine antinomistische Richtung ist unter den hellenistischen Juden schön zur Zeit Philö’s vertreten2); der Untergang des Staates erschien diesen Ungläubigen als eine willkommene Bestärkung ihrer Anschauungen. Durch die Zerstörung des Tempels, infolge der eh so viele Ceremonialgesetze in Wegfall gekommen waren, habe Gott, so sagten sie, zu erkennen gegeben, dass er selbst sein Gesetz nicht mehr befolgt wissen wolle. Der אפיקורוס, der in der Mischnah und in den Religionsgesprächen der ersten Tannaiten eine so wichtige Rolle spielt, und dessen Widerlegung den Gelehrten zur Pflicht gemacht wird, ist ein Anhänger dieser bequemen, weitverbreiteten .Anschauung, deren Gefolgschaft auch durch unser Gebet getroffen werden sollte3). Jedoch gegen die Freidenker allein war die neue Benediction nicht gerichtet. Justinus Martyr, der nicht viel jünger war als R. Gamliel, gab mit Rücksicht auf unser Gebet an, die Juden verwünschten in ihren Gebeten sämmtliche Christusgläubigen. Das ist sicher übertrieben, und Epiphanias, der geborene Jude, verdient mehr Glaubwürdigkeit, wenn er erzählt, die Juden beteten dreimal täglich in ihrenSynagogea, dass Gott die Nazar ener vernichten möge. Nun sind! aber Nazarener nichts Anderes als Judenchristen4), und dieselbe Bedeutung hat in der hebräischen Litteratur der Zeit das Wort 5טין). Es kann demnach kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass die בינת המינים sich gegen die Judenchristen richtete, und dass sie den ersten *) Vielleicht auch einen Rest der Saaducäer. s) Joel, Blicke, I, 29. 3) Darum hat Maimonides richtig gesehen, wenn er unsere Be־ nedietion als gegen die Epikuräer (vgl. seinen Commentar zu Sanhedr. Xi und H. Teschubah 1IL 6-—8) gerichtet ansieht und in der Tefilla selbst אפיקורוסין liest. 4) Vgl. die Stellen bei Graetz, Geschichte IV, Note 11 Ende und Irenaeus bei Joel 1. c. I, 26. 5) lieber die Bedeutiing des Wortes ,.Abart, Sectierer“ siehe Eiei־ scher in Levy, Neuhebr. Wörterb. III, 310b.