Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Article
- Geschichte des Achtzehngebets
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 334 (sequence 5)
- Language
- German
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334 Geschichte des Achtzehngebets. Gebetanklänge, allein formulierte Gebete sind ihm nirgends vorgeschrieben. Dass Israel, das Yolk der reinen Gotteslehre, des erhabensten Ausdrucks des Glaubens nicht entrathen konnte und durfte, ist fast aus jeder Seite der Bibel zu belegen״ Im Tempeldienste lag der Antrieb zum Gebet. Die religiöse Handlung des Opferns durfte nicht mechanisch, geistlos erfüllt, durch. Aeusserlichkeiten abgethan werden, erforderte vielmehr hingebende, andachtsvolle Betheiligung : ״Tretet ein in seine Thore mit Dankliedern, in seine Höfe mit Jubelgesängen, danket ihm, preiset seinen Hamen״ (Ps 1004). Frei und kräftig regt sich auf diesem festen Grunde die Uebung und die Wunderkraft eines wahren Gebets; welche Früchte diese Kraft im Laufe der Jahrhunderte immer reicher und reifer hei'vortrieb, tritt im Psalter an das helle Licht der Geschichte1). Die Vernichtung des Reiches durch Hebukadnezar beraubte Israel des Heiligthums und des Opferdienstes. Als Mittel zur Umkehr, zum festen Glauben und Hoffen und zur völligen Erneuerung des Geistes stand allen einzelnen Gliedern der Gemeinde wie dieser selbst nur noch ein Weg offen, der einfachste und letzte, aber auch der unentreissbarste und gewaltigste aller: die Kraft des Gebets. Hach der Rückkehr aus dem Exil nehmen Andacht uud gemeinsames Beten eine Stellung im religiösen Leben ein wie nie zuvor. Wohl früher schon hatten einzelne Fromme in der Stunde, da im Heiligtum das Opfer vollzogen wurde, in ihren Häusern ihr Gebet als Räucherwerk Gott zum Wohlgefallen aufsteigen lassen; oder der Wechsel der Tages- Zeiten regte dazu an, die Seele zum Schöpfer zu erheben, Abends, Morgens und Mittags liess gar mancher seine Stimme ertönen (Ps. 5518), allein erst in den Kreisen der in sich gekehrten, bussfertigea Gefangenen an den Strömen Babel’s wurde das Innehalten der drei täglichen Gebetszeiten als Verdienst angesehen, wurde es als Pflicht des Gläubigen erkannt und hervorgehoben, das Antlitz gen Jerusalem gerichtet, dreimal täglich zu beten (Dan. 6, 11. 14). Den Ursprung der Gebetszeiten aus den Veränderungen in der sichtbaren Hatnr kennt und erläutert noch der Talmud. ״Woraus folgt die Hotwendigkeit von drei tägli- ח Ewald, Die Alterthümer des Volkes Israel (Geschichte, Anhang zu Bd. II, III) III. Aufl., S. 19.