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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1902-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1902) · p. Seite 238

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
46 (1902)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1902)
Article
Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
Date
1902-05-01
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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238 ׳ Di® Vorlesungen Harna,cks über das Wesen des Christenthum s. Schriftgelehrten damals vielfach behandelten und verschiedenfach beantworteten Frage zu erkunden. Dieses eine Beispiel mit seinen bedeutsamen Differenzen in den drei Berichten zeigt zugleich nicht nur, wie wenig diese als zuverlässige geschichtliche Zeugnisse gelten können, sondern auch, wie verschieden die Gesinnungen in den einzelnen christlichen Kreisen der ersten Generationen gegenüber den Juden, wie insbesondere den Schriftgelehrten, war. In den früheren finden wir noch trotz des Auseinandergehens in einzelnen religiösen Anschauungen ein gewisses gegenseitiges Yerständniss und den Ton ruhiger und friedlicher Auseinandersetzung. Das hört allmälig auf, und an dessen Stelle treten geringschätzige Meinungen, und feindselige Unterstellungen. Diese Anschauung ist immer mehr siegreich geworden und beherrscht auch jetzt noch vielfach selbst die gelehrte Wissenschaft. Der Bericht des Lucas kommt zweifellos den urspriingliehen Verhältnissen am nächsten, und er erhält seine Bestätigung durch mehrfache, von einander unabhängige Ueberlieferungen des Talmud. Die Frage nach dem wuchtigsten Gebote, in das alle übrigen sich zusammenfassen lassen, nach dem Haupfprincip der jüdischen Lehre, wie wir sagen würden, beschäftigte zur Zeit Jesu und noch lange hin die Schriftgelehrten. Hillel bezeichnete als solches das Wort, ״was dir unlieb ist, das thue auch deinem Nächsten nicht“ (T. b. Sabbat 31a). Das ist die negative Fassung des biblischen Gebotes ״du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ Später bezeichnete Rabbi Akiba dieses biblische Gebot selbst als den grossen, umfassenden Grundsatz der Thora (Siphra z. St.). Andere weisen dafür hin auf den Satz ״das ist das Buch von den Geschlechtern der Menschen“ (1. B. M. 5, 1), oder das Gebot ״heilig sollt ihr sein, denn ich der Ewige, euer Gott, bin heilig“ (3. B. M. 19, 2), oder den salomonischen Spruch ״auf allen deinen Wegen sollst du ihn erkennen, und er wird deine Pfade gerade machen“ (Spr. 3, 6. Talm. b. Ber. 63a). Am bekanntesten geworden ist ein Ausspruch des Rabbi Simlai, der in einer gewissermassen geschichtlichen Entwickelung die einzelnen von der Thora gegebenen Gebote durch die Psalmen und die Propheten in eine immer kleiner werdende Zahl von Grundlehren zusammengefasst sieht. Er sagt: sechshundertunddreizehn Vor- Schriften enthält die Thora, dreihundertfünfundsechzig Ver-

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