Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnacks über das "Wesen des Christenthums. 237 Und dass die Schriftgelehrten die innere Gesin nun g, die Liebe zu Gott und die. Güte gegen die Menschen als das Wichtigste und Nothwendigste verkündeten, dafür haben wir wieder ein Zeugniss in N. T. selbst Das Lukasevangelium (10, 25—28) erzählt: ״Ein Schriftgelehrter stand auf, versuchte ihn und sprach : Meister, was muss ich thun, dass ich das ewige Leben erwerbe? Er aber sprach zu ihm : Wie steht im Gesetz geschrieben? Wie liesest Du? Er antwortete und sprach : Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, mit allen Kräften und mit ganzem Gemüthe, und deinen Nächsten als dich selbst‘1. Er aber sprach zu ihm: ״Du hast recht geantwortet; thue das, so wirst du leben.״ Die hier angeführten Worte stehen an verschiedenen Orten der Schrift (Y. B. M. 6, 5 und III. M. 19, 18). Sie werden von dem Schriftgelehrten auf die Frage Jesu: ״was steht im Gesetz geschrieben?״ mit einander verbunden, weil sie eben in deren Schulen als das höchste Gebot gelehrt wurden, dessen Befolgung das ewige Leben erwirbt. Dieser Antwort stimmt Jesus sodann zu. Es ist sehr belehrend, dass Matthäus (22, 34—40) und Marcus (12, 2S---34) die hier vom Schriftgelehrten gegebene Antwort Jesus in den Mund legen und es so darstellen, als ob dieser damit etwas Neues, bisher nicht bekanntes, oder beachtetes, verkündigt hätte. Diese Fassung entspricht einer später entstandenen, aus der von Paulus angeregten und vom Judenthum immer mehr sich entfremdenden Richtung hervorgegangenen Vorstellung, dass den Schriftgelehrten hei ihren vielen Gesetzen jeder Unterschied, jede Klarheit, jede höhere Erkenntniss abgegangen und dass Jesus erst es gewesen sei, der aus deren erdrückenden Masse die höchsten und wichtigsten, die cler Liebe zu Gott und zu den Menschen herausgehoben habe. Diese Vorstellung tritt in schärfster Weise hier beim Matthäusevangeliiim hervor mit der besonder!! Zuspitzung, dass der Schriftgelehrte mit seiner Frage Jesus habe ״versuchen״ und ihm heimtückischer Weise habe eine Falle legen wollen. Diese Unter- Stellung fehlt bei Marcus. Er lässt den Schriftgeiehrten in ehrlicher Gesinnung seine Frage an Jesus richten und dessen Antwort sodann freudig zustimmen. Bei Lucas endlich ״versucht״ zwar, der Schriftgelehrte auch Jesus, mit seiner Frage, aber nur, um dessen Stellung zu der in den Schulen der