Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
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236 Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen, des Christenthums. geister“ bedachten. Welcher Historiker würde sich ein Urtheii über die eine Seite ans den Schmähungen der andern bilden? Auch die gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten gerichteten Strafreden (Matth, c. 23. Marc 12, 38 ff. Lucas 11, 37 ׳ ff. 20, 45 ff.) enthalten im Wesentlichen nichts Anderes, als was in alter und neuer Zeit gegen die, Diener der Religion jeder Art, als gegen die ״Pfaffenw gesagt worden ist, im Einzelnen mit Recht, im Ganzen zumeist aus parteiischer Gegnerschaft heraus und mit grossem Unrecht. Es ist doch bezeichnend, dass der einzige Pharisäer und Schriftgelehrte, der im N. T. mit seinem Namen und als eine geschichtliche Persönlichkeit uns entgegentritt, Gamaliel (Apostelgeschichte 5, 34 ff.) als ein Mann von weisem Verständniss, ruhig prüfendem Urtheil und milder Denkungsart erscheint. Sein Vater Hillel, der um die Zeit von Ch1\ Geb. lebte, wird im Talmud (b. Sabbat 31a. Bei*. 60. 63. Sukka 53. Tosifta Sota 13. Pirke Abot• 1, 12 — 14. 2, 5—8) als das Vorbild eines Schriftgelehrten dargestellt. Die über ihn erhaltenen Ueberlieferungen lassen ihn mit seiner reifen Weisheit, seiner überlegenen Rübe, seiner Menschenfreundlichkeit, Sanftmuth und Bescheidenheit, der Heiterkeit seines Gemüthes und der Kraft seines Gottvertrauens als einen der herrlichsten, liebenswerthesten Menschen erscheinen, von denen die Geschichte berichtet. Ihm ähnlich wirkten mit und nach ihm viele andere, und es war die Kraft der Persönlichkeit dieser Schriftgelehrten, der Eindruck ihres Lebens, was ihren Lehren und Förderungen Licht, Wärme und Anziehungskraft verlieh, was ihnen die Herzen ihres Volkes gewann und erhielt. , Ihre zahlreichen Gebote und religiösen Vorschriften hatten zum Ziele die Heiligung des gauzen Daseins. Und schon die eifrige Beschäftigung mit der darüber vor 11 andenen Lehre und deren geistige Durchdringung, die sie auch dem Volke in seiner breiten Masse zugänglich zu machen suchten, war geeignet, das religiöse Thun vor Verknöcherung und äusserer Werkheiligkeit zu schützen. An solchen und anderen Ausartungen, an Bildungsstolz und geistlichem Hochmuth fehlte es natürlich nicht. Der Talmud selbst (Sota 22 b) hat stark sarkastische Schilderungen und scharfe Worte darüber. Aber sie waren doch verschwindend gegenüber dem heiligen Ernst, von dem die ganze Geistesrichtung getragen war.