Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnaeks üüer das Wesen des Christenthums. 235 rieht. Alles stand bei ihnen auf einer Fläche, alles war in. ein Gewebe verwoben, das Gute und Heilige nur ein Einschlag in einen breiten irdischen Zettel. Nun fragen Sie noch einmal: "Was war denn das Neue?“ Wir fragen etwas viel Wichtigeres: Wo blieb denn nun aber die reinigende Wirkung der Erscheinung Jesu, wo der Ernst und die Kraft seiner Verkündigung, dieHarnackals das Neue an ihm preist, wenn bald nach seinem Tode tiefgehende Meinungsverschiedenheiten über seine Person und den Inhalt des Glaubens an ihn sich entwickelten, wenn fast die ganze Kirchengeschichte durchzogen ist von dem heftigen Wiederstreit zahlreicher, weit ausgesponnener, dogmatischer Lehren, wenn dieser Wiederstreit die blutigsten Kämpfe entfesselt, Barmherzigkeit und Gericht als sündhafte Schwächen verachtet, den qualvollen Martertod unendlich vieler frommer, edler Christen durch ihre eigenen Glaubensgenossen veranlasst hat und auch jetzt noch seine Opfer fordert? Dieser Entwickelung liegt allerdings etwas dem Judenthum vollkommen Fremdes zu Grunde: Der alles Uebrige beherrschende Glaube an die Gottheit Jesu, an die Erlösung durch seine Gnade und die Bedeutung der Gnadenmittel1). Harnack streicht mit der modernen liberalen protestantischen Theologie diesen Glauben trotz einer nahezu achtzehnhundertjährigen Geltung aus seinem ״Wesen des Christenthums.“ Ihm hat er sich in die Bewunderung der menschlichen Erscheinung und der Lehre Jesu verwandelt. Aber auch diese lässt ihn Menschen und Dingo vielfach in getrübtem Lichte erscheinen und führt ihn in seinem Urtheil über die übrigen geistigen Potenzen jener Zeit und insbesondere die, die Jesus den beanspruchten Glauben versagen mussten, irre. Die Pharisäer und Schriftgelehrten kann er nicht anders, als beschränkt, kleinlich, engherzig und verknöchert sich vorstellen. Aus den Erzählungen der Evangelien bricht die Gluth des Hasses gegen diese Gegner Jesu heiss und leidenschaffclieh hervor. Aber die Bezeichnungen Schlangen- und Otternbrut, Heuchler u, s. f. (Ev. Matth. 3, 7. 15, 7. 23, 33) sind immerhin noch milde und sanft gegenüber den Schmähungen und Schimpfworten, mit denen sich Luther und seine katholischen Gegner, sowie die von ihm bekämpften ״Schwarm- *) Vgl. Harnack, S. 115. 121. 131. 145. 161. 183 f.