Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
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234 Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Christentliums. seinen Worten von Schutt und Trümmern, die über die reine Quelle des Heiligen sich gelagert hätten, denkt, war nur eine consequente Fortentwickelung und Ausführung dessen, was in der Thora, wie in den Propheten ausgesprochen und begründet worden war. Allgemeine Lehren werden dort wenige gegeben, vielmehr Vorschriften für bestimmte Verhältnisse, Ordnungen und Einrichtungen, in denen das religiöse Leben sich entwickeln, und durch die es geschützt und erhalten werden soll, Sabbath-, Speise- und Reinheitsgesetze waren nicht eine Erfindung der Pharisäer, sondern von vornherein die Gefässe, in denen das Heilige aufbewahrt wurde. Der Sabbath und viele der köstlichsten Güter Israels, sein Familiensinn, seine Keuschheit, innere Gesundheit, geistige Kraft, Hoffnung, Strebsamkeit, seine Religiosität und unerschüttliche Standhaftigkeit sind durch jene Einrichtungen erhalten und gestärkt worden, Wenn diese gesetzlichen Ordnungen vielfach weiter entwickelt und ausgeführt worden sind, als das nächste praktische oder religiöse Interesse es gebot, so folgte man dabei einer in allen gelehrten Schulen und in allen Disciplinen •sieh geltend machenden Neigung, einem jeden behandelten Gegenstände in seine weitesten Consequenzen nachzugehen, jeden, auch nur entfernt möglichen Fall in Betracht zu ziehen. Die christliche Dogmatik hat in der Lehre von der göttlichen und der menschlichen Natur Christi, und insbesondere derjenigen vom Abendmahl, Consequenzen noch ganz anderer Art entwickelt, nicht etwa nur in einzelnen Ausartungen der Scholastik, sondern bei hervorragenden Kirchenlehrern und Reformatoren1). Auf den Einwurf jüdischer Gelehrter, dass Jesus nichts .Neues gebracht habe, antwortet Harnack (S. 30 f.) mit Wellhausen: ״Gewiss, das, was Jesus verkündigt, was Johannes vor ihm in seiner Busspredigt ausgesprochen hat, das war auch bei den Propheten, das war sogar in der jüdischen Ueberlieferung seiner Zeit zu finden. Selbst die Pharisäer hatten es, aber sie hatten leider noch sehr viel anderes daneben. Es war bei ihnen beschwert, getrübt, verzerrt, unwirksam gemacht und um seinen Ernst gebracht durch tausend Dinge, die sie auch für Religion hielten und so wichtig nahmen,, wie die Barmherzigkeit und das Ge- ג) s. Strauss, die chri&tl. Glauben sieh xe II, S. 90 ff. 25S ff. 569 ff.