Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
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232 Yorlesuügen Harnacks über das Wesen des Christenthums. antworte: ״ Suchen Sie in der ganzen Religionsgeschichte des Volkes Israel, suchen Sie in der Geschichte überhaupt, wo eine Botschaft von Gott und vom Guten so rein und so ernst — denn Reinheit und Ernst gehören zusammen — gewesen ist, wie wir sie hier hören und lesen! Die reine Quelle des Heiligen war zwar längst erschlossen, aber Sand und Schutt war über sie gehäuft worden, und ihr Wasser war verunreinigt. Dass nachträglich Räbbinen und Theologen dieses Wasser destillieren, ändert selbst, wenn es ihnen gelänge, nichts an der Sache. Nun aber brach der Quell frisch hervor und brach sich durch Schutt und Trümmer einen neuen Weg, durch jenen Schutt, den Priester und Theologen aufgehäuft hatten, um den Ernst der Religion zu ersticken.“ Die Behauptung, dass in der ganzen Religionsgeschichte des Volkes Israel, also auch von Micha, von Jesaia, Jeremia u. A. die Botschaft von ־Gott und vom Guten nicht so rein und so ernst verkündigt worden ist, wie im Evangelium, könnfen wir wohl mit den eigenen Worten Harnacks widerlegen (vgl. S. 90). Doch wenden wir uns lieber dem Schutte und den Trümmern zu, aus denen erst Jesus angeblich die reine Quelle des Heiligen wieder hervorbreehen liess. Das ist nichts als einer der vielen Irrfchümer, die daraus hervorgehen, dass die christlichen Theologen die nachbiblische Litteratur den Juden nicht ihrer Beachtung würdigen, oder sie nur durchgehen, um Stoff zu finden, das Judenthum unmittelbar vor und insbesondere nach Jesus so tief als möglieh herabzudrücken, um desto mehr ihn erhöhen zu können. Die Quellen des Heiligen sind im Judenthum stets frei und offen geblieben. Die sorgsamsten Einrichtungen waren getroffen, ihre Wasser rein und frisch allem Volke, selbst den Kleinen und Unmündigen, Zuströmen zu lassen. Gottesdienst, und Unterricht dienten in gleicher Weise diesem Zwecke, dafür liefert das N. T. selbst die Beweise. Als Jesus zum ersten Male in der Synagoge seiner Vaterstadt Nazareth auftrat (Luc. 4, 17 ff.) da ward ihm das Buch des Propheten Jesaias gereicht, damit er darüber predige, und er wählte sich dazu das cap. 61 ״der Geist des Herrn Gottes ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat, frohe Botschaff zu verkünden den Demüthigea und gesandt hat, zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, den Gefangenen Freiheit zu verkündigen und den Gefesselten Erlösung.“ Die griechische Uebersetzung des hierbei gebrauchten