Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnacks über das We3en des Christenthums. 231 Religion ist keine Frage, die von solchen gestellt wird, die in ihr leben. Was kann neu gewesen sein^ nachdem die Menschheit schon so lange vor Jes. Christ gelebt und soviel Geist und Erkenntnis erfahren hatte. Der Monotheismus war längst aufgerichtet, und die wenigen möglichen Typen monotheistischer Frömmigkeit waren längst hier und dort, ja in ganzen Schulen, ja in einem Volke, in die Erscheinung getreten. Kann der kraftvolle und tiefe religiöse Individualismus jenes Psalmisten noch überboten werden, der da bekannt hat: ״Herr, wenn ich nur dich habe, frage ich nicht' nach Himmel und Erde“ (Ps. 73, 24)? Kann das Wort Micha’s (S. 68) überboten werden: ״Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlieh Gottes Wort halten, Liebe üben und demüthig sein vor deinem Gott?“ Jahrhunderte waren bereits verflossen, seitdem diese Worte gesprochen waren.“ Halten wir zunächst dieses Zugeständniss fest. Es tritt der christgläubi gen Anschauung entgegen, die vor Allem in. die Verkündigung vom Gottmenschen eine neue Offenbarung des Christenthums sieht, wie auch der HegePschen Philosophie, die deswegen das Christenthum als die Religion der Einheit des Göttlichen und Menschlichen bezeichnet. Es tritt der Ansicht Schleiermachers, wie der Tübinger Schule, entgegen, die mehr Sokrates und Plato als die geistigen Vorfahren Jesu betrachten, als Josua und David, wie der in weiten Kreisen gehegten, dass das Judenthum die Lehre von Gott dem Herren und der strengen Gerechtigkeit, das Christenthmn die von Gott dem Vater und von der Liebe sei. Aber auch wir, die wir diese Anerkennung für eine unbestreitbare, wissenschaftlich nicht abzuweisende halten, müssen Harnack fragen, wie er darnach das von ihm für echt gehaltene Wort Jesu: ״Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater“ und ״Niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater, und niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren“ (Matth. 11, 27) reehtfertigen und in dem Sinne erklären kann, so, ״wie er den Vater kennt, hat ihn noch niemand erkennt und er bringt den andern diese Erkenntniss“ (S. 81 fl).? Doch hören wir Harnack weiter (S. 31.): ״In der monotheistischen Religion ist diese Frage (was war denn das Neue?) nicht am Platze.“ Fragen Sie vielmehr: ״war es rein und war es kraftvoll, was hier verkündet wurde Ich