Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Purim und Parodie
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 185 (sequence 10)
- Language
- German
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Purim und Parodie. 185 Begriff der Sittlichkeit und Gerechtigkeit nicht gut bestehen. Gewinn sollte stets die Folge einer verdienstlichen Handlung sein; im kunstvollen Spiel wird diese Handlung durch eine grössere Geschicklichkeit vertreten, der Gewinn ist also gewissermaassen ein gemeinschaftlich ausgesetzter Preis für einen /Wettkampf; die Geschicklichkeit jedoch ist nicht allein maassgehend. Die Karten selbst z. B. spielen bedeutend mit, es wird also dem Zufall eben so viel Einfluss ein geräumt, als der Geschicklichkeit. Zufall darf nach sittlicher Weltordnung über menschliches Wohl und Wehe nicht entscheiden, nach religiösen Begriffen noch viel weniger. Für diese ist das Vertrauen auf Gott selbst eine Tugend (Genes. 15, 6): was der Mensch mit Fleiss und Mühe erstrebt, giebt Gott seinem Liebling im Schlafe (Ps. 127). — Ob wohl je ein Spieler bei einem hohen Einsatz gebetet hat?1). Spieler, nicht des Zeitvertreibs halber, sondern des Gewinnes wegen, finden ihre "Rechnung nicht, wo blosse Geschicklichkeit entscheidet, — der falsche Spieler von Profession kommt natürlich hier nicht in Betracht, —im Gegenteil, je weniger der Ausfall zu berechnen ist, desto mehr wagen sie, und doch, vielmehr deshalb, werden sie, wie Waghalse überhaupt, um so mehr Fatalisten, verfallen in den verkehrtesten Aberglauben bis zur Astrologie und deren Sippen aller Art2). Das Wort Glück ist eine glückliche Erfindung für Etwas, was man nicht erklären kann, oder will. Der alte Hebräer setzte nicht viel ״aufs Spiel“, wie die Phrase jedes Wagnis bezeichnet; ״der Hände Müheu (יגיע כפים) sieht Gott (Gen. 31, 42), und wer davon zehrt, dem: ist wohl (Ps. 127). Gewinn durch Spiel war eine unbekannte Sache. Das Loos (גורל) des Menschen ist eine directe Fügung Gottes, und, wenn es die Zukunft betrifft, ein Orakel. Wie sich der Verf, des Buches Esther das Looswerfeii Haman’s gedacht habe, ist aus dem Buch selbst nicht zu ersehen; die Deutung des Wortes פור (Loos) ist in neuester Zeit beanstandet worden; die Fremdartigkeit des Buches hebt schon Zunz hervor (G. V.2 S. 15): ״Das Buch bleibt ein merkwürdiges Denkmal unprophetischen Geistes; denn x) Yor dem Würfelwurf für das Loosbuch gab es heidnische Gebete, die ailmälig umgeändert wurden. 2) Dieser psychologische Zusammenhang erklärt die Combination von Looswerfen und Würfelspiel bei Jakob Levi, Likk. f. 116b.