Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 140 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829760-2829763-2883788--31243-2883854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1 40 Di0 Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Christenthums. Macht gewinnen und daraus das Volk Gottes machen* das die Aufgabe hat, einen reinen Gottesdienst in die Welt ein- Zufuhren a. Von diesen Zusammenhängen erzählt Harnack nur gelegentlich, fast widerwillig. In einer Zeit, in der man die Wurzeln einer jeden bedeutsamen geschichtlichen Erscheinung so weit wie möglich in die Breite und in die Tiefe zu verfolgen sucht, in der man jeden grossen Menschen auch als den hervorragenden Vertreter seines Geschlechtes, seines Volkes, seiner Bace clarzustellen bemüht ist und aus den verschiedenartigsten Factoren der Vergangenheit die Entstehung seiner Eigenart sich zu erklären sucht, wird uns Jesus wie ein Meteorstein vorgeführt, der vom Himmel gefallen ist, zufällig gerade unter die Juden, als ein Geist, der souverain über ihren geistigen Besitz schaltet und die geschichtlich gegebenen Verhältnisse verwerthet, aber unendlich hoch darübersteht und den Mensehen an und für sich, wie er unter den verschiedenartigsten Umständen immer derselbe ist, im Auge hat (S. 11). Diese Anschauung ist nicht nur an und für sich überraschend, sie geräth auch vielfach mit offenbaren That- Sachen in Widerspruch. Zu ihrer Erklärung aber genügt nicht allein die Annahme einer vorgefassten Meinung, es drängt auch vielfach das Urtheil sich auf, dass Harnack, der ein Meister ist in der Geschichte der ersten christlichen Jahrhunderte und deren auf Grund des neuen Testaments sich entwickelnden Glaubensanschauungen, die Schriften des A. T. sehr unvollkommen kennt und seine Meinung darüber, wie insbesondere über die geistige Riehtung und die religiösen Anschauungen der Juden zur Zeit von Jesus fast ausschliesslich bildet nach ״der isräel. u. jüdischen Geschichte vonW el Ihausen“. Wellhausen ist bewundernswerthdurch seine Gelehrsamkeit, seinen Scharfsinn, eine Combinationsgabe, die die entferntesten Dinge zu einander in Beziehung zu setzen weissund einzelne Verhältnisse der israel. Geschichte durch interessante Parallelen aus der anderer Völker beleuchtet. Aber diese Geschichte wird durch ihn ausserordentlich flach uud farblos; ihm fehlt jeder Sinn für das, was Israels Eigenart und seine geschichtliche Bedeutung ausmacht. Er betrachtet es überhaupt aus einem sehr engen Gesichtswinkel, und nur an einzelnen Stellen kann er nicht umhi^ auch das