Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 138 (sequence 20)
- Language
- German
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138 Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Christenthums. kündigenden christlichen Theologen in Folge einer umfassenden und tief eindringenden wissenschaftlichen Kritik gerade dasjenige verworfen wird, was unsere Väter seit jeher verworfen haben, und dass derselbe andererseits als das wahre Evangelium, als das Wesen der Religion, das unzerstörbar in den wildesten Zeiten, in den rohesten Formen und den aberglaublichsten Gebilden zum Heile gewirkt hat, diejenigen Lehren bezeichnet, welche der Mensch Jesus in Judäa dem um ihn sich sammelnden Volke gepredigt hat. II. Ein Hauptergebnis der Vorlesungen Harnacks ״über das Wesen des Christenthums“ ist also negativer Art, die Ablehnung der Christologie, der Lehre vom göttlichen Charakter Jesu und von Allem, was damit zusammenhängt. Aber wer der Held eines jedenfalls poetisch grossartigen Epos, Haupt und Mittelpunkt einer die gebildetsten Völker umfassenden Religion, Erlöser und Heiland für zahlreiche Geschlechter tief ergriffener und ringender Seelen werden konnte, der wird einem begeisterten und bewundernden Betrachter auch nach Abzug aller göttlichen Attribute in übernatürlieher Grösse erscheinen, und der Strahlenglanz seines göttliehen Bildes wird auch seine irdische Erscheinung verklären. Eine solche Anschauung ist es, die auch Harnack erfüllt, die seine Auswahl aus den vorhandenen Berichten bestimmt und sein Urtheil leitet (S. 6). Jesus und sein Evangelium sind ihm der Ausgangspunkt und der hauptsächliche Inhalt seiner Untersuchungen, aber auch der Reflex und die Wirkungen, die!ene weiter gefunden haben (S. 6). Aus diesen entnimmt er seinen Massstab für das Wesentliche im Christenthum, und danach zeichnet er das persönliche Bild Jesu und bewerthet er die Zeit und die Umgebung, in denen er aufwuchs. Diese Zeit und Umgebung verschwinden ihm fast vor der grossen Gestalt seines Helden (S. 10) und werden nur verwendet, um den dunklen Hintergrund zu bilden, auf der jener umso lichter sich abhebt. Harnack lässt die ganze Geschichte von der Abstammung und der Kindheit Jesu fallen, für ihn tritt er erst im 30. Lebensjahre in den Kreis der Geschichte. Aber auch für diese frühere Zeit glaubt er aus