Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 137 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829760-2829763-2883788--31240-2883851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Vorlesungen Harnaclvs über das Wesen des Christenthums. 137 Aber der Gegensatz, in den die neue Bewegung zu der bisherigen Gestaltung der Religion trat, war ein ausser״ ordentlich bedeutender und fruchtbarer. Durch ihn ist, wie H ar n a c k (S. 168) sagt, ״aus dem ungeheuren weitschichtigen Gefüge“, das man bisher ״Religion“ genannt hatte, aus jenem Gefüge, welches das Evangelium und das Weihwasser, das allgemeine Priesterthum und den thronenden Papst, den Erlöser Christus und die heilige Anna umfasste, die Religion heraus geführt und auf ihre wesentlichen Factoren reduciert ־worden, auf das ״Wort Gottes“ und den ״Glauben“. Aber mit dieser Scheidung hat, wie Harnack weiter (S. 182) ansführt, die Reformation nur eben begonnen. (S. 183). ״Luther hat nicht nur die alten Dogmen von der Trinität und den zwei Naturen in das Evangelium hineingenommen und bat sogar neue gebildet, er hat sich auch in die peinlichsten Streitigkeiten verstricken lassen über die Gnadenmittel, über das Abendmahl und die Kindertaufe“. Harnack verlangt eine Weiterführung der Grundgedanken der Reformation und fürchtet, dass, wenn das nicht geschieht, der Protestantismus zu einer kümmerlichen Doublette des Katholicismus werde, er bezeichnet das geradezu als eine brennende Gefahr. (S. 184). Diese Befürchtung, müssen wir andererseits sagen, ist nur ein anderer Ausdruck für die unbestreitbare Thatsacbe, dass dasjenige, was er als ״Wesen des Christenthums“ verkündigt, etwas ganz Anderes ist, als was nach dem alten Kanon ״quod semper, quod ubique, quod ab ohWibus creditum est“, seit den ersten.Zeiten des Christenthums gelehrt worden ist und heute noch von der ungeheuren Mehrheit der Christenheit bekannt wird. Das ist die Lehre vom Gottmenschen, von der Trinität, von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesus, von der Erbsünde und der Erlösung durch die Taufe und durch den Glauben an die übernatürliche Gnade Jesu. Diesen Dogmen, der Christologie, wie er sie in ihrem Entstehen, und in ihren Irrthümern schildert, stellt Harnack als das Wesen des Christenthums gegenüber die Predigt, d, h. die ursprüngliche Lehre Christi und das Vorbildliche seiner Persönlichkeit. Welche dieser verschiedenen Auffassungen über das Wesen des Christenthums die siegreiche bleiben wird, das ruht im Schosse der Zukunft. Aber mit voller Befriedigung darfbfder Sohn des Judenthums constatiren, dass von einem geistvollen und die Grösse des Christenthums begeistert ver-