Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829760-2829763-2883788--31238-2883849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Vorlesungen Harnaeks über das Wesen des Christenthums. 135 einen engen Kreis niemals hmausgeschritten ist, gewann es ausserhalb desselben im römischen Weltreiche immer mehr Anhänger und wurde schliesslich im vierten Jahrhundert dessen Staatsreligion. Es trat in die grossartige Organisation des römischen Reiches ein xmd ward der Beherrscher derselben. Und während das römische Reich selber zerfiel, "blieb es die gestaltende und leitende Macht, als auf dessen Trümmern neue Völker und Reiche sich bildeten. Mit der Sprache, den noch verbliebenen Bildungseiementen und den Verwaltungseinrichtungen nahmen die eindringenden Barbaren auch die Religion der von ihnen eroberten Länder an. Allerdings gingen in gleicher Weise auch ungeheuere Gebiete wieder verloren, so Kleinasien, die Euphratländer, ganz Nordafrika an den im 7. Jahrhundert entstandenen und in noch rapiderer Weise sich ausbreitenden Islam. Und das waren gerade die Länder, wo das Christenthum seit dem 2. Jahrh. am festesten begründet war, und die seine bedeutendsten und feurigsten Lehrer erzeugt hatten. Doch die Verluste wurden allmälig ausgeglichen durch die unter dem Schutze der "Waffen der christlich gewordenen Staaten erfolgendo Missionsthätigkeit. So wurden im 8. Jahrh. die Sachsen, d. h. die Bewohner des nordwestlichen Theils von Deutschland, unterworfen und von dort aus sodann in stetiger bis in's 13. Jahrhundert sich erstreckender Thätigkeit weiter Gebiete im Osten bis nach Litthauen hinein. In Russland nahm Wladimir um das Jahr 1000 nach einer klugen politischen Erwägung über die verschiedenen Gottesverehrungen die des byzantinischen Kaiserthums an. Diese Art der Ausbreitung geht bekanntlich auch jetzt noch weiter. Doch macht Harnack darauf aufmerksam (S. 137), dass der russisch-griechischen Kirche dem Islam gegenüber nicht gelungen ist, was sie dem Polytheismus gegenüber erreicht hat. ״Diesen überwinden die Missionen der russischen Kirche auch heute noch; an den Islam aber sind grosse Gebiete verloren gegangen, und die Kirche hat sie nicht wieder erobert. Der Islam ist siegreich bis an das adriatische Meer und nach Bosnien vorgedrungen; er hat zahlreiche albanesische und slavische Stämme, die einst christlich waren, für sich gewonnen". Eine weitere Folge davon, dass das Christenthum noch die Staatsreligion des römischen Reiches vor seiner Auflösung wurde, ist die Ausbildung einer grossartigen Hierarchie, die von dem Papstkönig, dem Pontifex Maximus,