Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 134 (sequence 16)
- Language
- German
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134 Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen des Christenthums. Andern immer weiter ausgefährt worden sei, wie Keim1) annimmt:, dass lässt sich natürlich nicht mehr ausmachen. Es waren im Kreise der Anhänger Jesu,✓ entstandene und sich fortpflanzende Sagen. Aber sie hätten auch in diesem mit allen Erinnerungen an Jesus sich baldigst verloren, wenn nicht ein Mann von energischem Geiste und gestaltender Kraft sie aufgenommen, zu einem festen Lehrgebäude ausgebildet und mit grösstem Eifer verkündet hätte. Saulus, nach seiner Bekehrung Paulus genannt, war es in der That,. der Jesus zum Leben erweckt, der die nach diesem genannte Religion begründet hat.2) Paulus wandte sich mit seiner Verkündigung von Anfang an hauptsächlich an die ausserhalb Palästina^ wohnenden, unter dem Einflüsse der hellenischen Bildung stehenden Juden und an die den Lehren und Verkündigungen des Judenthums geneigten Heiden und bot ihnen diese ohne die Verpflichtung zur Beobachtung seiner Gesetze uncl Gebote. Diese ersetzte er vielmehr durch den Glauben an einen von Gott gesandten Erlöser, der durch seinen Opfertod die Welt von der Sünde befreit hat. Er zuerst hat Christus einen göttlichen Charakter zugesprochen,, seine Erscheinung, seinen Kreuzestod und seine Auferstehung zu Hauptthatsachen des Heils erhoben und die Kraft dieses Glaubens auch als einen Sieg über den Tod verkündigt. Dieser Begriff der Erlösung ist, wie Harnack sagt (S. 115, 121), vielfach zum Fallstrick geworden, dadurch ist ganzen Generationen der Ernst der Religion verdeckt worden. Aber er hat dem neuen Glauben damit eine breite Bahn gebrochen. Bei der weitverbreiteten Erwartung eines bevorstehenden Weitendes wirkte die Verkündigung, dass Christus bald erscheinen, seine Gläubigen vom Tode erlösen und zur ewigen Seligkeit führen werde, zusammen mit den zahlreichen Wundererzählungen, mit einer starken anziehenden Kraft3). Und während das Christenthum in seinem Geburtslande über 1) Jes, v. Nazara III. 529. 2) Auch diese Gestalt ist eine Anzahl moderner Theologen, insbesonders holländischen, zu einem geschichlichen Eäthsel geworden und. seine Briefe, wie die seither als eigenthümlieh paulinisch bezeiehneten Lehren, werden als Erg ebniss einer laugen Entwickelung in das 2.. christl. Jahrh. versetzt. 3) Ygl. Harnack S. 108 und Gibbon, Gesch. des Sinkens und Untergangs des röm. Weltreiches, übers, von Sporschil If, 182 ff.