Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 122 (sequence 4)
- Language
- German
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122 ■Di© Vorlesungen Harnacks iib3r das Wesen des Christeuthums. geschehen, auf dass Das und Das erfüllt werde, oder weil Aehnliches auch von anderen grossen Gottesmännern der Bibei berichtet worden ist. So löste sich ihm die ganze evangelische Geschichte in eine Reihe von Yolkssagen uDd Mythen auf, die in den christlichen Gemeinden des ersten Jahidiunderts, vielfach unbewusst, gedichtet worden sind. Nichts lässt sich mit Bestimmtheit über die Person Jesu aüssagen. Unsicher, ja widerspruchsvoll, sind auch die Berichte über seine Lehren. Schon früher hatte man erkannt, dass die Evangelien nicht Berichte von Zeitgenossen sein können. Jetzt untersuchte nun die sogenannte Tübinger Schule, deren Haupt und Stifter Ferdinand Christian Baur war, dieselben eingehend nach ihren verschiedenen Auffassungen von Jesus und seinen Lehren und erkannte, dass sie frühestens zwei Menschenalter nach dem Tode Jesu entstanden und keine unbefangenen Darstellungen, sondern Partei Schriften seien. Die ersten christlichen Gemeinden bestanden nämlich fast ausschliesslich aus Juden, welche sich von den übrigen nur dadurch unterschieden, dass sie glaubten, in Jesus sei der verheissene Messias bereits erschienen und, er werde bald wiederkommen, das letzte Gericht halten und das Himmelreich begründen. Yon denjenigen Heiden, die in ihren Kreis ein treten wollten verlangten sie die vollständige Annahme der jüdischen Gebote, die Beschneidung und die Beobachtung der Ceremonialgesetze. Dagegen lehrte der Apostel Paulus, der erst nach dem Tode Jesu sein Anhänger und .Verkünder׳ geworden war, dass durch dessen messianische Tfiätigkeit das 'jüdische Gesetz aufgehoben worden sei. Er suchte sodann hauptsächlich Heiden, Griechen und Römer, von denen schon früher viele eine Vorliebe für das Judenthum gewonnen hatten, für sein Christenthum zu gewinnen. Durch sie drangen weitere hellenische, philosophische, wie polytheistische Ideen in dasselbe ein. So entwickelten sich allmälig ganz verschiedene Glaubensrichtungen, die mit einander rangen und in verschiedenen Darstellungen von Jesus und seinen Lehren ihren Ausdruck fanden. Die heidenchristliche Richtung ist die siegreiche geblieben und hat die ganze fernere Gestaltung des Christenthums beherrscht. ■ Durch diese Untersuchungen, die heute noch weit von ihrem Abschlüsse sind, ist die Person und die eigentliche Lehre von Jesus ein immer schwierigeres Problem geworden,