Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1902)
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 120 (sequence 2)
- Language
- German
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120 Di0 Torlesungen Harnacks über das Wesen des Christenthums. für den einfachen, wenig unterrichteten Juden so augenfällig waren, dass ein weiteres Eingehen darauf nicht geboten war. Und der grosse Unterschied in den äusseren Macht- Verhältnissen, die schlimmen Folgen, welche ein unüberlegtes, oder auch nur offenes, Wort eines Juden über christliche Lehren und Gebräuche häufig für einen grossen Kreis der Glaubensgemeinschaft nach sich zog, machte scheue Zurückhaltung zu einer gebieterischen Nothwendigkeit. Dieses Schweigen konnte in neuerer Zeit, nicht mehr in dem früheren Umfange innegehalten werden. Die Erforschung der Ursprünge des Christenthums, die im 19. Jahrh. mit ganz besonderem Eifer und vielfach bedeutsamen Resultaten gepflegt wurde, zog auch mehrfach jüdische Gelehrte in ihren Kreis, welche insbesondere auf zahlreiche von den christlichen Gelehrten ignorirte oder unterschätzte jüdische Quellen hinwiesen, oder wie die Geschichtsschreiber Graetz und Geig er auch den Stifter des Christenthums im Rahmen seiner Zeit behandelten. Vielfache, nachweisbar irrige, Behauptungen über den Lehrinhalt des Judenthums und einzelne geschiehtliehe Strömungen, oder Persönlichkeiten desselben nöthigten zur Richtigstellung und zum weiteren Nachweise des hervorragenden Antheils, welchen das Judenthum hinsichtlich der religiösen, wie der Culturentwickelung der Menschheit für sich in Anspruch nehmen kann. Ausser solchen wissenschaftlichen Antrieben, nöthigt aber auch ein praktisches, ja Lebens Interesse, zu einer eingehen deren Beschäftigung mit den hervorragenden Werken der christlichen Wissenschaft. Die Schwierigkeiten, welche den Juden im staatlichen Leben, wie in den gesellschaftliehen Verhältnissen, vielfach entgegentreten, beeinträchtigen Vielen die Werth Schätzung des Judenthums selbst und machen sie für eine gläubige, oder wenigstens urtheilslose, Hinnähme glänzender und verherrlichender Darstellungen des Ghristenthums ganz besonders empfänglich. Solche Erwägungen rechtfertigen wohl eine eingehende Besprechung der Vorlesungen des Professors Ad. Harnack ״U e b e r d a s Wesen des C h r i s t e n t h u m 8*־, sowie eine Charakteristik von deren Ergebnissen und eine Prüfung seiner Urtheile über Judenthum und jüdische Verhältnisse von jüdischem Standpunkte aus. Zunächst ist es nothwendig, die Stellung dieses, in de!4