Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Studien über die Beschneidung
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2829132-2829753-2829759-2883614--30924-2883649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
442 Studien über die Beselin ei düng. das Zeichen und Zeugniss der Unterwerfung und der Inferiorität des Sclaven im Verhältnisse zu seinem Herrn und Besitzer. Die Beschneidung — also argumentirt Bergmann weiter — welche sich an den Eunuchismus anschliesst, war ebenso das äussere Zeichen und das Zengniss der Dienstbarkeit der Beschnittenen im Verhältnis zu der Person, welche sie als ihren Herrn und Meister betrachteten. Aber während die Castration die Unterwerfung des Besiegten unter den Sieger und seinen besondern Herrn bezeichnete, und das Eunuchenthum die Unterordnung des Sclaven unter seinen Eigner, wurde die Beschneidung nicht nur an einigen Sclaven, sondern an allen Personen eines Stammes oder gar eines Volkes vollzogen, als generelles Zeugniss ihrer Unterwerfung unter ihren gemeinsamen Herrn und Meister, ihren Gott. In ähnlichem Sinne äussert sich E. Reclus1). Er nimmt an, dass die Beschneidung bei manchen Völkern nur eine Milderung der Menschenopfer sei, welche — wie er bemerkt —־ der Gottheit so genehm waren, dass die Karthager, falls sie selbst keine Kinder hesassen, solche armen Eltern abkauften, um sie zu opfern. Bei anderen Völkern wäre die Beschneidung ein Zeichen des Vasallenthums. Der Sieger tödtete nicht immer den Gefangenen, sondern verstümmelte ihn oft, um ihn unschädlich zu machen. Aus der schwersten, erniedrigendsten Form der Verstümmelung, der Evisceration (totale Entmannung), sei im Laufe der Zeit die Casfcration und endlich die Beschneidung entstanden, ebenso wie das Abhacken eines Armes später durch das Abhacken einer Hand und endlich durch das Abhacken eines Daumens gemildert wurde. ״Bei den Juden“ — meint Reclus — ״wäre die Beschneidung ein Zeichen der Nationalität, eine Marke, welche nirgends (!) passender angebracht werden konnte, als an den Organen der Zeugung, welche stets einen Gegenstand der Verehrung der Völker bildeten“. Nennt Bergmann die Beschneidung heutzutage einen ״herkömmlichen Aberglauben“2), so bezeichnet Reclus dieselbe als die eigenthümlichste, bizarrste und ״absurdeste Sitte“3). x) Beclus Elie, La Circoncision in der ״Revue internationale des Sciences. 1893. 2) ״La Circoncision, qui avait sa raison d’etre dans l’antiquite, 11’est plus aujourd1 liui, qu’ une Superstition traditionelle״ .. . .. Bergmann a. a. 0. 3) ״Nulle eoutume n’est plus singuliere, plus bizarre, et tranehons le mot, plus absurde que la circoncision“. Reclus a. a. 0.