Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zacharias Frankel
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829753-2829757-2883321--30704-2883402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zacharias Frankel. Yon ihm ־und über ihn. 251 und die Gemeinden sich selbst überlassen, noch über allzugrosser Beschäftigung mit den Gemeindeangelegenheiten die Wissenschaft vernachlässigen sollten. Schon vor seiner Berufung als Oberrabbiner nach Dresden hat sich Frankel in einem Briefe an seinen Freund Dr. Beer cL d. Teplitz 22. Mai 18351) darüber ausgesprochen, wie sehr es ihm als Rabbiner am Herzen lag, zu organisiren, Missbrauche zu beseitigen, heilsame Einrichtungen einzuführen, und ganz besonders durch die Einwirkung auf die Jugend die Leitung der Gemeinde in der Hand zu behalten. ״Drey Jahre arbeite ich hier unablässig, mit grosser Anstrengung habe ich nun endlich manche religiösen Verhältnisse geordnet, gelang es mir für die Jugend einflussreich zu wirken nnd sonstige nützliche Einrichtungen zu treffen.!Nun kann ich hier in Ruhe der Reife entgegensehen, was mit Schweiss ausgesäet wurde, soll geerndtet werden, ich freute mich so sehr auf Ruhe. Doch Ihre Aufforderung ergehet an mich, von Neuem soll ich an fangen, den Garten des Herrn zu bebauen, von Neuem organisiren, mich der schwierigsten Arbeit wieder unterziehen und mein schönes Werk Andern überlassen. Doch mein Beruf fordert mich auf zum höheren Wirken, wo mein Wirken gefordert wird und es Segen bringen könnte, dorthin muss ich folgen; meine Kraft ist meinem Volke gewidmet: nicht in der Ruhe, sondern in dem Streben und Vollenden finde sich mein Lohn. Ich glaube mich daher verpflichtet, Ihren geehrten Antrag keinesfalls zurückzuweisen, doch bin ich es auch schuldig, Ihnen ganz ohne Hehl den Prospect mitzutheilen, den ich mir von jeher von dem Wirkungskreise, sowie von dem Wirken eines Rabbiners entworfen und nach welchem er allein, meiner Ansicht nach, seinem Berufe nachkommen kann. ״Unsere Vorfahren fehlten, und wir müssen ihre Fehler gutmacben“ ist eine alte Klage; doch wohl uns! beseelt uns der Wille gutzumachen. Dass auch unsere Rabbinen, die in den nächstverflossenen Jahrhunderten lebten, einigermassen fehlten, ist nicht zu leugnen. Ihr Sinn war wohl fromm und edel, diese Männer meinten es auf- 1) Es befindet sich in meinem Besitz eine grössere Anzahl von Briefen Frankels an Beer, die aus dem Nachlasse des letzteren auf Dr. Gerson Wolf übergegangen sind, dessen Wittwe sie einer Nichte Frankel’s, Frau Professor Theumann, hier eingehändigt hat. Die letztere hat sie mir zum Geschenke gemacht, und ich gedenke, sie der Bibliothek des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau zu übergeben.