Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zacharias Frankel
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829753-2829757-2883321--30699-2883397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 Zacharias Frankel. Von ihm und über ihn. ״Minhag“ wie ein verliebter Jüngling in Verzückung gerathen konnte, oder ihn mit einem geheimnissvollen Zauber umwob, dass er Wesentlicl.es und Unwesentliches nicht unterschied und Abgelebtes aus falscher Pietät auf galvanischem Wege zu einem Scheinleben wieder zu erwecken sich bestrebte; es beseelte ihn jedoch eine tiefe, religiöse Wärme, eine aus dem Herzen kommende Begeisterung für das Judenthum, die sich nicht geräuschvoll äusserte, die er vielmehr keusch verbarg, die aber Jeden, der mit ihm umging, um so mehr für ihn einnahm, je weniger er es auf diese Wirkung anlegte. Aber in der Hauptsache war es ihm doch darum zu thun, sich und der Welt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung über das Wesen des Juden־־ thums Klarheit zu verschaffen und von seinem Verhältnis zur Religion Rechenschaft abzulegen. Das Resultat dieser Forschung war jene Auffassung der Religion, deren Symbolum die Formel des ״historischen Judenthums“ bildete. Frankel hat diesen Standpunkt in seinen Schriften zum Ausdruck gebracht, deren Gesammtabsicht recht eigentlich darauf hinausging, die historische Continuität und Entwicklung des Lehrinhaltes des Judentums von den biblischen Grund- Schriften an durch das weite Gebiet der Mischna und des Talmud, so־wie der Responsenlitteratur des Mittelalters hindurch bis auf die Gegenwart zu verfolgen und nachzuweisen. Notwendig musste sich von diesem Standpunkte aus das wissenschaftliche Interesse Frankels vorzugsweise dem Talmud, als dem Hauptstock der rabbinischen Lifcteratur, zuwenden, denn nicht bloss christlicherseits wurde demselben der Charakter einer Fortbildung des in der Bibel Gegebenen abgesprochen und ihm vielmehr der einer Abirrung von der ״Religion des Volkes Israel“ beigelegt, sondern selbst im Judentum, wo der Talmud in früheren Zeiten als der Inbegriff der Religion betrachtet worden war, fing man in der neuen Zeit an, ihn zu verrathen und zu verleugnen. Am deutlichsten bekundete sich diese Wendüng in ihren praktischen ConSequenzen. Nicht genug, dass die mit dem Lehrberuf in den Gemeinden Betrauten dem Studium der rabbinischen Litteratur den Rücken wendeten und allein in der deutschen Predigt das Heil der Gemeinden wie ihr eigenes erblickten, auch der historische, selbst im Neuen Testament mit dem Nimbus volkstümlicher Dignität umgebene Titel ״Rabbiner46 wurde von ihnen verächtlich