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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1901-01-01 · Heft 3 · p. Seite 228

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
45 (1901)
Issue
Heft 3
Article
Zacharias Frankel
Date
1901-01-01
Page
Seite 228 (sequence 2)
Language
German
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228 Zacharias Frankel. die altgewordene Mutter wandte. In seiner Zurückgezogenheit hatte das Judenthum sich ausschliesslich in seine eigene Gedankenwelt eingesponnen und hierdurch an jener frischen Kraft und Regsamkeit Einbusse erlitten, die allein durch das Durchdringen, Aufnehmen oder Bekämpfen grosser, weite Kreise. bewegender, Ideen erhalten werden kann. Reich waren allerdings die Schätze, die das Judenthutn im Innern barg, aber es fehlte ihnen die kunstvolle Fassung. Tief und innig war allerdings noch die Liebe zum angestammten Glauben, die in den weiten Schichten des Volkes lebte. Aber es fehlte die Verknüpfung mit den neuen Gedanken und Anschauungen, in die der moderne Jude jetzt nach der Jahrhunderte langen Abschliessung eingetreten war. Ehrfurchtgebietend, von jener sittlichen Höhe, zu der das Lehrhaus immer erzogen hat, wareh auch selbst noch die alten Lehrer Israels. Aber sie verstanden die Zeit nicht, und gegen die neuen Angreifer waren ihre Waffen stumpf geworden. Jedoch auch die Angreifer hatten von der neuen Zeit häufig nur die stürmische Hast und von der neuen Erkenntniss nur die auflösende Kritik und Zerstörungssucht angenommen. In dem Eifer, mit dem sie dem Modernen sich zuwandten, hatten sie die Liebe zum Alten, Angestammten und das Verständniss für das ihm eigentümliche Wesen, für seine durch Jahrtausende bewährten Grundlagen und seine alle Noth und alle Bedrängnisse der Zeit siegreich überwindende Kraft verloren und verlangten nun, dass das Judenthum, seine ganze Vergangenheit verleugnend, rückhaltslos in der neuen Zeit aufgehe, alle die mannigfaltigen Wünsche und Forderungen, die der Tag gebar, an sich erfülle, und weil dem Streben nach Emancipation im Staate und nach Anerkennung in der Gesellschaft Widerstand entgegengesetzt wurde, Opfer an unveräusserlichen Rechten und Ueberzeugungen bringe. So standen unvereinbare Gegensätze einander schroff gegenüber. Zum Glück hatte sich jedoch unterdessen zwischen den streitenden Parteien bereits ein kleiner Kreis von Mannern herangebildet, der bestimmt war, über die weite Kluft die feste Brücke zu schlagen. Auch diese waren von der Bildung der neuen Zeit mächtig durchdrungen, aber sie hatten dabei den festen Boden, dem sie entsprossen waren, nicht unter den Füssen verloren. Ihnen hatte

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