Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 23)
- Language
- German
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Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Christenthums. U9 immer wieder Bewunderung wachruft, ist bei einer Harnack*sehen Schrift so selbstverständlich, dass man fast Bedenken trägt, es noch hervorzuheben. Zumal was übei allgemeine religiöse Fragen, über das Yerhältniss von Religion und Arbeit, von Religion und Wissenschaft gesagt wird, ist so wahr und so schön, dass man immer wieder wünscht, Herr Harnack möchte seine Verehrer mit einer Schrift über das ״Wesen der Religion“ beschenken. Zum Schluss noch eines : Wenn Herr H. fragen sollte, ־was nach alledem, was gegen seine Darstellung eingewandt wurde, denn noch Bedeutungsvolles übrig bleibe, das durch Jesus gebracht und geschaffen wurde, so dass eine Weltreligion mit Stolz den Namen nach ihm führt, so sei darauf kurz folgendes geantwortet: Es läge vielleicht nahe, mit einem banalen Aper§u in Wellhausen'scher Manier zu sagen: Amerika ist bekanntlich auch nicht nach Kolumbus benannt worden. Solche Entgegnung wäre jedoch nur ein frevles Witzwort, aber keine Antwort. Die Antwort ist die allein, dass damals die Zeit erfüllt war, und die erfüllte Zeit brauchte die gottgesandte Persönlichkeit. Für das Heidentum war der Tag gekommen, da es Israels Lehre in sich aufzunehmen beginnen konnte, und Gott hat die Seinen dazu erstehen lassen. Gegen den Stifter des Christenthums hegt das Judenthum schon deshalb nur Liebe und Ehrerbietung. Man fabelt oft von dem Hasse des Judenthums gegen das Christenthtim; einen solchen hat es nie gegeben; eine Mutter hasst nie ihr Kind, aber das Kind hat seine Mutter oft vergessen und verleugnet, Das Christenthum hat sehr oft bitterlich wenig von dem Geiste seines Stifters gezeigt. Es liegt ein tiefer Sinn in der Parabel des Neuen Testaments : ״Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem einen und sprach; Mein Sohn, gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg. Er antwertete; Herr, ja, und ging nicht hin . . . In der Geschichte des Christenthums ist das oft wahr geworden. Aber fern liegt es zumal dem jüdischen Theologen, eine Religion, die eine gewaltige weltgeschichtliche Sendung erfüllt hat und noch erfüllt, einen Glauben, der die Gemüther von Millionen beseligt, getröstet und aufgerichtet hat, etwa nicht anzuerkennen oder gar zu verletzen und herabzusetzen. Auch der jüdische Theologe wird es für ein gutes, edles Werk halten, dass ein Christ eine Apologie, eine Verherrlichungsschrift für seine Religion schreibt. Wogegen er Einspruch erhebt, ist nur das, dass die Apologie sich als Geschichte ausgiebt