Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 21)
- Language
- German
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H&raack’s TorLesuagea über das Wesen des Christen ums. 117 den Messias bezieht. Diese Deutung hat aber keinen massgebenden Charakter, da wir das alte ״of fi ei eile“ Targum Jonathan nicht mehr besitzen, sondern uns nur eine spätere Redaction vorliegt, die auch sehr leicht eine polemische Spitze enthalten kann. Schürers Resumö, dass man wohl sagen dürfe, dass die Idee vom sühnenden Leiden des Messias ״dem Judenthum im Grossen und Ganzen fremd gewesen und immer nur Schulmeinung geblieben ist“, wird deshalb wohl eine Erweiterung erfahren müssen. Ein Mange] an historischer Klarlegung ist es auch, wenn H. es wenig berücksichtigt, welchen Einfluss der Lauf der politischen Ereignisse, die in die Zerstörung des Tempels und in den Fall Bethars ausmündeten, auf die Geschichte des apostolischen Zeitalters — auf die Zeit, wo der Unterschied zwischen Juden und Christen darin bestand, dass die einen sagten, der Messias werde kommen, und die anderen sagten, er werde wiederkommen — ausgeüht hat. Ebenso wenig ist die ganze Temperatur des Jahrhunderts, in dem Jesus lebte, genügend in Betracht gezogen, was schon deshalb nöthig gewesen wäre, um die Innigkeit der messianischen Hoffnungen zu begreifen, um es einzuseben, dass Jesus an sich glaubte, weil seine Jünger an ihn glaubten. Um Jesus und seine Jünger und jene ganze Zeit zu verstehen, muss man es mitfühlen, in welcher Lebensluft damals die Juden, zumal die Palästinas, lebten; man muss es wissen, welche Menschen durch die geschiehtliehen Ereignisse gebildet worden waren. Das babylonische Exil, dieses Sieb, in dem aus Israel die Spreu geschüttelt wurde, die gewaltsame Aussonderung aller Schwankenden durch Esra und Nehemia, die grosse Scheidung der Geister in den Makkabäerkämpfen — das alles war eine fortgesetzte natürliche Auslese mit dem Ergebnis des survival of the fittest gewesen. Uebrig blieb eine Gemeinde von Helden der Religion; mag es auch ״Virtuosen der Religion״ damals gegeben haben, die meisten waren doch Helden. Die Juden jener Zeit waren, um einen Ausdruck Spurgeons zu gebrauchen, die ״grossen Nonkonformisten der Welt״, Menschen, unter denen fast jeder im Stande und bereit war, für die Idee sich zu opfern, — nicht nur, wie es anderwärts geschah, für Zwecke : aus Lebenssattheit oder um des guten Abgangs willen, im Zwange der Not oder weil das Gesetz es befahl. Die Fähigkeit, zum Märtyrer zu werden, um des Himmels willen vor den Klugen auf Erden ein Thor und Narr sein zu