Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 20)
- Language
- German
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116 Haroack’s Vorlesungen über das Wesen des Chnstenthunas. der Koran den ״Schriftbesitzern״, den Juden und Christen,, vorwirft, sie hätten die Offenbarung gefälscht, und wenn moderne Theologieprofessoren den Rabbinen vorwerfen, sie destillierten die Bibel und die mündliche Lehre, so ist das im Grunde eine und dieselbe Art und Weise. Kür Destillieren wird es Herr H. vielleicht auch halten, wenn darauf hingewiesen wird, dass seine Behauptung, das Judenthum im Zeitalter Jesu habe die Idee eines leidenden Messias nicht gewonnen (S. 85), mehr summarisch als berechtigt ist. Schürer, der die Frage recht umsichtig und besonnen in seinem standard-work behandelt, (II3 553—-556) kommt zu keinem so siegesgewissen Ergebniss, wie es sich in Harnaeks kurzem Satze kund thut. Das Material ist von Schürer in mustergiltiger Weise zusammen getragen und geordnet worden; hier sei nur auf einige Punkte hingewiesen, welche die historische Geltung dieser Idee bewerthen können: Es kann nicht bezweifelt werden, dass im 53. Capitel des Jesaias die Idee von dem Leiden um der Sünden der Mensehen willen völlig und endgültig festgestellt ist. Angenommen nun selbst, dass in den nachbiblischen Schriften sich keine Spur der Vertrautheit mit dieser Idee fände, so würde damit doch noch keineswegs bewiesen sein, dass der Zeit, in der diese Schriften entstanden, die Idee fremd gewesen sei. Die höchste Autorität war ja damals die Bibel, und es genügte, dass sie den Gedanken beredt aussprach. Ihn dem Judenthum im Zeitalter Jesu absprechen zu wollen, weil die nachbiblische Literatur ihn nicht enthalte, das wäre — um wiederum einmal auf die Gegenwart zu exemplificieren ־— dasselbe, wie wenn man unseren Tagen die Bekanntschaft mit der Idee einer Hamlet-Natur nicht zugestehen wollte, deshalb weil diese in unseren Tagen eine dichterische Darstellung nicht mehr gefunden hat. Es giebt eine Art der litterarischen Behandlung, die jeden Versuch der Nachfolge für lange ausschliesst. Thatsächlich giebt es jedoch eine ganze Anzahl von Stellen bei Justin und 1m Talmud (Schürer a. a. 0.), die es deutlich zeigen, dass die messianische Auflassung des jesaiaskapitels damals üblich war, und, was noch mehr ist, dass sie als die selbstverständliche angesehen wurde. Widerlegt werden könnte dies nur durch Anführung solcher Stellen, welche die entgegengesetzte Interpretation enthalten. Solche konnten bisher nicht beigebracht werden; ausgenommen den einen Beleg aus dem Targum Jonathan, welcher die Verse in Jes. 53; die vom Leiden des Gottesknechtes sprechen, nicht auf