Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
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Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Christenthums. 115 Ethik, wie sie auch im Talmud uns entgegen tritt, es ist der Geist des Judenthums, der aus dem allen zu uns spricht. Freilich Herr Harnack hat dem gegenüber einen Einwand bereit: Der sittliche Quell floss damals im Judenthum, aber er war verunreinigt, und es sind die ״Rabbinen und Theologen“, welche ״nachträglich dieses Wasser destillieren“. (S. 31). So sagt derselbe Herr H., der in diesen Vorlesungen die Worte des Evangeliums durch den siebenfachen Filter der Apologetik hindurchgehen lässt; man muss unwillkürlich an den Satz des Talmud denken, dass es menschliche Art sei, den eigenen Mangel anderen Yorzuwerfen. Warum sollten nicht vielmehr die Rabbinen das, was Herr H. vom Vergangenheitsforscher forciert, auch für sich in Anspruch nehmen? Warum sollten sie nicht das Wesentliche hervorheben dürfen, warum sollten sie nicht den frischen Blick für das Lebendige haben dürfen? Ist das etwa bloss ein Privileg protestantischer Theologieprofessoren? Aber man weiss es ja, was ״destillieren“ genannt wird, wenn es von jüdischen Theologen geschieht. Wenn einer von Zeit zu Zeit einmal schüchtern darauf aufmerksam zu machen sucht, dass im dritten Buche Mosis im neunzehnten Capitel im achtzehnten Verse geschrieben steht; ״Liebe deinen Wachsten wie dich selbst,“ und wenn er dann noch gar hinzuzufügen wagt, dass eben daselbst im vierunddreissigsten Verse gesagt ist: ״liebe den Fremdling wie dich selbst“ und dass unter dem Fremdling der Mensch aus anderem Volke und von anderem Glauben verstanden werden muss, sintemal genannter Vers also begründend for fcfährt: ״denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Egypten“ — aisgleich ertönt von verschiedenen Kathedern im deutschen Vaterlande der Vorwurf: Seht den Destiilator! Oder wenn einer sich erkühnt, auf eine Stelle des Talmud hinzuweisen, die dasselbe sagt wie dieser oder jener Satz der Bergpredigt, ohne sofort entschuldigend dazuzusetzen, dass im Talmud aber auch z. B. die vielen Vorschriften über den Sabbatweg und unzählige aridere so ausgeklügelte Gesetze enthalten sind, dann hat er abermals destilliert. Und wenn schliesslich einer sogar soweit geht, zu bemerken, dass z. B. die strengen Vorschriften über den Sabbai, welche die Halacha aufstellt, eine geschichtliche ISTotwendigkeit waren, weil durch sie verhütet wurde, dass in schweren Zeiten der Sabbat zu einer blossen historischen Antiquität wurde, und dass von vielem anderen dasselbe zu sagen ist — dann hat er nicht nur destilliert, sondern mit •aller falschen Schönheit der Welt trügerisch gefärbt. Wenn 8*