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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1901-01-01 · Heft 2 · p. Seite 112

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
45 (1901)
Issue
Heft 2
Article
Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
Date
1901-01-01
Page
Seite 112 (sequence 16)
Language
German
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112 Hamack’s Vorlesungen über das Wesen des Christontliums. in den Jahren, da Jesus lebte. Um es wieder einmal auf die Gegenwart anzuwenden : Was würde Herr Harnack dazu sagen, wenn jemand ein Bild der socialen Lage Deutschlands im ausgehenden XIX. Jahrhundert auf Grund der Berichte aus der Zeit des dreissigjährigen Krieges geben würde und das eine Wort ״längst‘1 über die Kluft der Jahrhunderte hinweghelfen sollte. — Der zweite Beweis lautet: ״Auch Jesus hätte nicht so von den Reichen sprechen können, wie er gesprochen hat, wenn sie nicht damals in gröblicher Weise ihre Pflichten vernachlässigt hätten.“ Mir will scheinen, dass die betreffenden Stellen des Evangeliums wohl nicht so auf-■ gefasst werden dürfen. Die Worte des Evangeliums sind nicht eigentlich gegen Uebergriffe und Unterlassungssünden der Reichen gerichtet. Jesus will weniger die Reichen anklagen, als vielmehr den Reichthum, er will vor allem die Armen trösten. Erwerthet, den Propheten folgend, die Werthbegriffe um und erklärt die Armuth für ein Gut und die Armen für die Guten. Die Armuth ist keine Last, sondern eine Pflicht und der Weg zum Himmelreich. Es darf nicht das Streben der Armen sein, sich Besitztümer zu erwerben; dagegen ist es die Aufgabe des Reichen, seine Schätze fortzugeben und arm zu werden, denn das ist die erste Bedingung für seine Seligkeit. Ein Reicher, der seinen Reichthum behält und vermehrt, versperrt sich damit den Weg zum Himmelreich. Nicht der Reiche, sondern der Arme ist glücklich zu preisen; arm zu werden und zu bleiben, ist das begehrenswerte Ziel. Dies ist die Anschauung des Evangeliums über Armuth und Reichthum; irgend welcher Schluss über gröbliche Pflichtvergessenheit, deren sich damals die Besitzenden schuldig gemacht hätten, lässt sich daraus keinesfalls ziehen. Jesus hätte in einer Zeit der schrankenlosestenWohlthätigkeit nicht anders sprechen können; denn bei ihm handelt es sich hierbei um ein Princip, auf dem seine Lebensanschauung sich aufbaut. Ueber die Lage der Armen in jener Zeit lässt sich Herr H. weiter aus: ״Oft zu arm, um auch nur die dürftigsten cultischen Segnungen und Vortheile erwerben zu können, gedrückt und gestossen, in Ungerechtigkeit misshandelt, konnten sie nicht zum Tempel aufschauen“. (S. 58). Was soll unter diesem Satze verstanden werden? Soll damit, wie es scheint, gesagt werden, dass die Armen am Opferdienst nicht Theil hatten, so wird dies schon widerlegt durch die Thatsache des Thamid, des täglichen Opfers, das im

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