Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
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HO Harnaek’s Yorlesungen über das Wesen des Christenthums. Judenthum dagegen nacli gelegentlichen Auswüchsen und zeitweiligen inferioren Erscheinungen. Yon dem ״frischen Blick für das Lebendige״, den H. von dem Historiker fordert, zeigt er selbst dem Judenthum gegenüber ־wenig oder garnichts. Die mangelnde Kenntniss dessen, was Halacha und Haggada ist, zeigt sich auch in folgender Bemerkung: ״Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er (Jesus) durch die Schulen der Rabbinen gegangen; nirgendwo spricht er wie einer, der sich technisch-theologische Bildung und die Kunst gelehrter Exegese angeeignet hat. Wie deutlich erkennt man dagegen aus den Briefen des Apostels Paulus, dass er zu den Füssen theologischer Lehrer gesessen! Bei Jesus finden wir nichts hiervon, es machte daher Aufsehen, dass er überhaupt in den Schulen auftrat und lehrte. In der heiligen Schrift lebte und webte er, aber nicht wie ein berufsmässiger Lehrer. “ (S. 20 f.) Jeder Satz enthält hier einen Irrthum. W^as die erste Behauptung anlangt, so hätte Herr H. Recht, wenn es unter den Rabbinen nur Dialektiker und gar keine Haggadisten, keine Prediger, keine religiösen Denker und Dichter gegeben hätte. Wer von diesen etwas Aveiss, der erkennt es sofort, dass Jesu Rede Geist von ihrem Geiste ist. Jeder seiner Aussprüche, jede seiner Parabeln, jedes seiner Trostesworte zeigt den Jünger der Rabbinen. Sowohl die Lehrweise des Paulus als auch die Predigt Jesu war hei den Rabbinen heimisch und wurde von ihnen gepflegt; Jesus sowohl wie Paulus war ein Rabbi, Wer Avie Herr H. urteilt, der weiss von einem grossen Gebiete des damaligen jüdischen Geisteslebens nichts oder er zwingt sich, nichts davon zu sehen. Schon die That- Sache, dass Jesus in den ״Schulen* auftritt und dort predigt, spricht eine deutliche Sprache (s. besonders Mark. 1, 39 u. Luk. 4, 14 ff.). Dafür, dass es Aufsehen erregte, dass Jesus überhaupt in den Schulen auftrat, führt H. leider keinen Belegsatz an, und er dürfte wohl auch kaum einen finden. An allen Stellen ist nur davon die Rede, dass die Gewalt seiner Predigt, die Macht seiner Worte Aufsehen machte (s. Matth. 7, 28 ff u. Parallelstellen). Und die Verwunderung der Leute in Nazareth beruhte bekanntlich auch nicht darauf, dass Jesus in ihrer Schule lehrte (s. Matth. 13, 54 ff.); sie hätten sich ebenso verwundert, wenn er auf der Strasse gelehrt hätte. Wenn H. schliesslich erklärt, dass Jesus ״nicht wie ein berufsmässiger Lehrer״ in der heiligen Schrift lebte, so zeigt dies wiederum eine mangelnde Bekanntschaft mit den Zuständen der Zeit. Berufsmässige Lehrer — dieses Wort