Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
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Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Christenthums. 109 gegenübergestellt werden. Was würde Herr H. dazu sagen, wenn ein Buddhist bei einem Vergleich zwischen seiner eigenen Religion und dem Protestantismus die erhabensten Lehren. Buddhas entgegensetzte den vielen Paragraphen des Gesetzes über die Sonntagsruhe oder den Synödalverhandlungen über die Feuerbestattung oder den holsteinischen Pastorendebatten über den bei einem Prediger zulässigen Bart oder den Streitigkeiten über die Amtstracht eines Geistlichen, der während einer militärischen Dienstzeit kirchliche Handlungen vollzieht, oder ähnlichen ״kirchlichen“ Fragen — um dann sieghaft über die Protestanten die Worte auszurufen, die Herr H. über die Pharisäer spricht: Das religiöse Denken und Fühlen ist ״bei ihnen beschwert, getrübt, verzerrt, unwirksam gemacht und um seinen Ernst gebracht durch tausend Dinge die sie auch für Religion halten und so wichtig nehmen, wie die Barmherzigkeit und das Gericht“; (S. 31) ״sie denken sich Gott als den Despoten, der über dem Ceremoniell seiner Hausordnung wacht“ (S. 33). Jener Buddhist würde damit nicht um einen Deut weniger logisch denken und schreiben, als es Herr H. in den angeführten Sätzen thut; er würde eben auch Haggada und Halacha mit einander verwechseln. Ob man dem Buddhisten gleiches entgegenhalten könnte, wenn er von Agende und Katechismus, die ״so wichtig genommen werden wie die Barmherzigkeit und das Gericht,“ spräche, das ist eine andere Frage. — Wir wissen es aus dem Talmud, dass es unter den Pharisäern Leute gab, welche die Religion zu ״einer Art von Gewerbe“ machten, und wo giebt es eine religiöse Gemeinschaft, die solche Leute nicht kennen würde? Niemand verurtheilt diese ״Gefärbten“ strenger als der Talmud, was Herr H. z. B. aus Schü״ rers Geschichtswerk erfahren konnte. Aber aus diesen Einzelfällen einen allgemeinen Schluss ziehen zu wollen, widerspricht den Grundgesetzen der Logik und der Gerechtigkeit. Wie würde es Herr I־L benennen, wenn irgend jemand unter Hinweis auf protestantische Augenverdreher aus alter und neuer Zeit von den führenden Elementen des Protestantismus schlechthin sagen würde, ganz mit Harnacks eigenen Worten : ״sie machen aus der Religion ein irdisches Gewerbe — es giebt nichts Abscheulicheres“. Das wäre dieselbe Logik und dieselbe Gerechtigkeit, wie ihrer Herr H♦ sich gegen die Pharisäer befleissigt. Aber es ist nun einmal die Methode vieler Kirchenhistoriker, die eigene Religion nach ihren edelsten, reinsten und höchsten Elementen zu beurtheilen, das