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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1901-01-01 · Heft 2 · p. Seite 108

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
45 (1901)
Issue
Heft 2
Article
Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
Date
1901-01-01
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Christenthums. wie nebenbei bemerkt sei, nocli packender hervortreten, wenn man die Aussprüche des Talmuds in den Stil des neuen Testaments übertragen würde; die Gleichheit des sprachlichen Gewandes würde die Gleichheitdes Inhalts noch deutlicher machen.1) Das, was Jesus verkündigt, so gesteht H. es nochmals zu, ״hatten selbst die Pharisäer, aber sie hatten leider noch sehr vieles׳ andere daneben“. (S. 31). Um ganz davon zu schweigen, welch missliches Ding es überhaupt ist, einen Mann, so gross und überragend er sein mag, mit einer ganzen Volksrichtung, welche die entgegengesetztesten menschlichen Erscheinungen umschloss, zu vergleichen, sei nur darauf hingewiesen, dass dieser Satz bloss eine auf die Person gebildete Umprägung des soeben besprochenen Ausspruchs über den Talmud ist. Yon ihm gilt, was über diesen gesagt wurde. Wenn Pharisäer Schuhmacher waren, so redeten sie selbstverständlich auch von Schusterei, nicht nur von Weisheit und Frömmigkeit, und wenn sie Gesetzeslehrer waren, so sprachen sie natürlich auch von den Gesetzen. Herrn Harnacks Grundirrthum, der sein schiefes Uriheil über die Pharisäer verschuldet, liegt darin, dass er nicht scheidet zwischen den rechtlichen bzw. ritualen Einzelfragen und der religiösen und sittlichen Anschauung, gewissermassen die Halacha in eins setzt mit der Haggada — letztere im weitesten Sinne gefasst, so dass sie alle ethischen und religiösen Betrachtnngeneinschliesst.Zwei ganz verschiedene Gebiete werden damit, wie auch weiterhin noch gezeigt werden wird, völlig in einander gerückt, was dann zur Folge hat, dass den sittlichen Ansichten Jesu nicht etwa die sittlichen Ansichten der Pharisäer, sondern deren juristische und rituale Entscheidungen nicht etwa eine Missachtung dessen in sich schliessen soll, was dieser grosse Gelehrte in bewundernswerter Weise für die Religion s ge schichte und zumal für die biblische Wissenschaft geleistet hat. Trotz allem und allem sind seine Prolegomena und seine Geschichte noch immer neben und nächst Kuenens Werken die belehrendsten Darstellungen dieser Gebiete. Auf dem Boden des nachbiblischen Judenthums scheint W. dagegen weit weniger sicher zu sein; einer kann nicht alles. *) Ein Beispiel wird genügen, um das, was hiermit gemeint ist, klar zu machen : Man denke sich den Ausspruch des Elieser ben Asarja (Makk. 7 a) ״ein Synhedrium, das einmal in siebzig Jahren ein TodesurteiL fällt, muss mordgierig genannt werden“ — in folgende Form gefasst : ״Es ist zu den Alten gesagt, wer des Gerichtes schuldig ist, den soll das Gericht töten. Ich aber sage euch : ein Gericht, das in siebenzig Jahren einen tötet, selbiges Gericht ist ein Rat der Mörder“. Hierdurch wird sogleich manches Wort im N. T, in klareres Licht gestellt.

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