Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Christentliums. 107 war sogar in der jüdischen Ueberlieferung seiner Zeit zu finden״. (S. 31). Die Thatsachen sprechen zu deutlich, und sie haben manchen Kirchenhistorikern arge Pein bereitet, bis endlich durch Wellhausen das befreiende Wort gesprochen wurde : Gewiss, im Talmud steht alles das, was das Evangeliumsagt,aber daneben leider noch vieles andere. Wohl selten ist ein Wort, in dem die Bedeutsamkeit des Tons zu der Bedeutsamkeit des Inhalts in so gar keinem Yerhältniss steht, mit solcher Gewichtigkeit ausgesprochen und mit so ehrfurchtsvollem Eifer naehgesprochen worden, wie diese Sentenz Wellhausens. Es giebt nichts, was wahrer sein könnte, als sie, aber es ist auch schwer, etwas noch Selbstverständlicheres zu finden. Wenn jemand einen Yergleich zwischen dem Baum und dem Blatt ziehen würde und daun mit bedeutungsvollem Ton das Schlusse1־gebni3s dahingehend verkündete : der Baum enthält das Blatt, aber eben noch vieles andere — es wäre dieselbe tiefgründige Weisheit, wie sie aus dem Welihausen^schen Urtheil zu uns spricht. Im Talmud, dem Compendium von sechs Jahrhunderten jüdischer Litteratur aller Zweige, steht allerdings noch vieles andere als der Satz, dass alles befasst sei in dem einen Gebote : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Aber in der Christliehen Litteratur von sechs Jahrhunderten steht ebenso sehr noch vieles andere, und nicht gerade schönes und erhebendes, wie man bespnders in HerrnHarnacksSchriftennachlesen kann. Das Evangelium nach (kocta) den Synoptikern kann man ebenso gut und ebenso schlecht mit dem Talmud vergleichen, wie etwa das Blatt mit dem Baum oder den Euss mit dem Pferde. Jemand, dem es nicht auf ein banales Apercu, sondern auf die Richtigkeit und Vernünftigkeit des Inhalts ankommt, wird das Evangelium des neuen Testaments höchstens mit dem Evangelium des Talmuds vergleichen, nicht aber etwa, wie Wellhausen es thut, mit dem ganzen Talmud. Man muss prüfen, wie die einzelnen Gedankenkreise, die bei den Synoptikern sich finden, im Talmud ihre Feststellung und ihren Ausdruck gefunden haben; dadurch gewinnt man ein Evangelium nach dem Talmud. Und dieses allein darf man zu dem Evangelium der Synoptiker in Parallele stellen. So nur erhält man ein wissenschaftliches Ergebnis, das freilich von der Ansicht WelLhausens1) recht beträchtlich absticht. Das Resultat würde, l) Obwohl es selbstverständlich sein sollte, sei noch besonders betont, dass das TTrtheil über das missglückte Wellhausen’sche Ap 01911