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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1901-01-01 · Heft 2 · p. Seite 106

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
45 (1901)
Issue
Heft 2
Article
Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
Date
1901-01-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 Haraack’s Vorlesungen über das Wesen des Christönthums. gezwungen sind jurare in verba magistri. Da hätte Herr Harnack ganz besonders an die Mahnung — freilich eines Pharisäers — denken sollen: Ihr Weisen, seid vorsichtig mit euren Worten! Kennt Herr H. irgend einen, auch nur den kleinsten und unbedeutendsten Beweis für seine Behanptung? Sie ist völlig aus der Luft gegriffen, um als Gegenbild zu dem Bilde zu dienen, das Herr II. zeichnen will. ״Sie sahen ihn nur in seinem Gesetze, das sie zu einem Labyrinth von Schluchten, Irrwegen und heimlichen Ausgängen gemacht hatten“, so schreibt der Mann, der die Dogmengeschiehte verfasst hat, Wenn man es nicht schwarz auf weiss sähe, würde man es nicht glauben. Herr H. hätte nur einen Blick in die Litteratur jener Zeit zu werfen brauchen, um das Gegentheil zu erfahren. Weiss Herr H. denn gar nichts von den erhabenen religiösen und sittlichen Lehren fast jedes pharisäischen Führers, von denen der Talmud erzählt und ־über die ihn jede Anthologie schon hätte belehren können? Oder waren die Psalmen und die Prophetenbücher etwa damals verloren gegangen oder obsolet geworden? Galten diese damals gar nichts? Es ist schwer möglich, apodictischer ein ungerechtes ״geschichtliches״ Urtheil zu fällen, als es hier durch Herrn H. geschieht ״Sie besassen tausend Gebote von ihm und glaubten ihn deshalb zu kennen; er hatte nur ein Gebot von ihm und darum kannte er ihn״. Das ist ein Musterbeispiel für die Behandlung, welche die Wirklichkeit um der Antithese willen erfahrt. Ist es denn Herrn H. absolut unbekannt, dass es ein ״officieller Führer des Volkes“, Hillel war, der den Inhalt der ganzen Gotteslehre in einen Satz zusammenschloss? Hat Herr H, nie etwas davon gehört, dass es der ״oflicielle Führer des Volkes״, Akiba war, der die ganze Religion in dem Gebote der Nächstenliebe enthalten fand? Weiss er nichts davon welche Stellung Ben Asai, dem das Wort von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen verdankt wird, und Simlai, dem der fromme Glaube die ganze Religion war, im Volke einnahmen? Dass pharisäische Lehrer verkündigt hatten, ״im Gebote der Gottes- und Nächstenliebe sei alles befasst״, stellt Herr H. nicht in Abrede (S. 31), aber nur, um es dann zwei Seiten darauf den officiellen Führern des Volkes, wie gezeigt, abzusprechen — alles des obligaten Hintergrundes wegen. Dass Jesus ״in seinem Volke eine reiche und tiefe Ethik vorfand״ (S. 45), kann Herr H. auch nicht bestreiten; was Jesus verkündigt, ״das war auch hei den Propheten, das

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