Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
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Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Chrntenthums. 105 ist mit allen wahrhaft Frommen felsenfest davon überzeugt gewesen, dass Gott schliesslich Recht schafft“ (S. 69). So könnte allenfalls eine Predigt oder ein Erbaimngsbuch argumentieren. Exegese ist es nicht, wenn, wie es hier geschieht, das ethische Postulat und das göttliche Attribut der Gereclitigkeit einfach mit einander vertauscht werden, das eine an die Stelle des anderen untergeschoben wird. Der religiöse Glaube an Gottes Gerechtigkeit und die sittliche Forderung des Rechtes sind zwei durchaus verschiedene Dinge; das eine aus dem anderen zu deducieren, ist nicht angängig; denn ein solcher Schluss enthält die durch die Logik verbotene quaternio terminorum. Allerdings zeigt die Kirchengeschichte durch viele Beispiele, wie die Neigung sehr oft vorhanden war, die Lehre von Gott an den Platz des Sittengesetzes, den Glaubenssatz an die Stelle der Pflichtgebofce zu setzen, — ein Ergebniss der Paulinischen An-Archia. Welche Eigenschaften und Namen Gott zuzuschreiben seien, das wusste man stets, dafür aber desto seltener, dass zu den Eigenschaften und Tugenden des Menschen mancherlei zu rechnen sei, wie z. B. Befreiung der "Unterdrückten, Aufhebung jeglichen Sclaventhums, Abschaffung der Tortur und jeder Menschenpeinigung, von anderem ganz zu schweigen. Die Qualen eines Jahrtausends sind die Illustration für diese Geschichte theoretischer und praktischer Ethik. Der weitgehenden Apologetik steht eine noch weiter gehende oft überaus ungerechte Polemik zur Seite. Erstaunlich ist die Gleichgültigkeit, mit der Herr Harnack dabei fast allem gegenüberstellt, was die Geschichte über den Zustand des Judenthums in! Zeitalter Jesu und in den vorangegangenen Jahrhunderten nachweist. Zumal von den Pharisäern1), ״den officiellen Führern des Volkes‘6, hat er eine recht schauerliche Vorstellung. (S. 33 u. 58). Zum Theil scheint dieses Schreckensbild durch Uebertreibung einiger Sätze des Evangeliums entstanden zu sein, zum Theil durch freie phantastische Ausmalung um der Herstellung eines dunklen Hintergrundes willen. ״Sie dachten sich Gott als den Despoten, der über dem Ceremoniell seiner Hausordnung wacht“, das ist die vielverheissende Einleitung. Diese Worte sind vor Zuhörern gesprochen, die in der grossen Mehrheit ג) Wenn H. sagt : ״die herr sehenden Classen, zu welchen vor allem die Pharisäer und auch die Priester gehört e n“, so zeigt er eine befremdende Unkenntnis schon der n u m erischen Bedeutung, welche die Pharisäer im Volksganzen hatten.