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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1901-01-01 · Heft 2 · p. Seite 103

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
45 (1901)
Issue
Heft 2
Article
Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
Date
1901-01-01
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Christenthums.!03 behaupten wagen. Was Herrn H. undenkbar erscheint, kann damals nicht nur für denkbar, sondern für nothwendig gehalten worden sein; was er als Vorurtheil ansieht, kann damals in den Augen Yieler und vielleicht gerade der Besten eine sittliche Grundbedingung gewesen sein. Und auch Worte, wie die: ,,wenn Christus heute unter uns predigte, er würde da nicht allgemein reden‘‘ (S. 54), tragen nicht dazu bei, ein klares geschichtliches Bild zu geben; Werthkategorien der Gegenwart sind eben nicht ohne Weiteres auf die Vergangenheit anwendbar. Diese Beispiele lassen sich unschwer vermehren; nur müssten dann ganze Capitel des Buches hierher gesetzt werden. Aber schon die angeführten Belege zeigen es, wie das Bichteramt des Geschichtschreibe1*s mit dem Vertheidigeramt des Apologeten vertauscht wird die Methode ist durch sie genügend gezeichnet. Man gewinnt oft den Anschein, als stehe Herrn H. die These von vornherein fest; was sie stützt, hält er für wesentlich, alles andere für untergeordnet. Die Religion, die er schildert, enthält nichts von Weltverneinung und Weltflucht, nichts von der Ablehnung der Rechtsordnung und des Rechtskampfes, nichts von der Verherrlichung der Armuth, nichts von der Gleichgültigkeit gegen Familienbande1), dafür aber viel Anderes und Schönes. Es ist Herrn Harnacks religiöses Bekenntnis, das uns dargestellt wird, und jedermann wird ihn dessenthalb achten. Aber deshalb Herrn Harnacks Religion auch für die Religion Jesu erklären zu wollen, das ist geschichtlich jedenfalls nicht. Manchen wird es eher bedünken, dass durch diese Modernisierung vieles, was wir am Evangelium zu bewundern gewohnt sind, verwischt und verwässert wird. Wenn gegenüber manchen sittlichen Forderungen von Harnack behauptet wird, dass sie nicht unbedingt und immer gelten, dass sie keine kategorischen Imperative sind und nicht alle Verhältnisse im Auge haben, dass man sie nicht stets und ausnahmslos befolgen müsse, sondern nur im Stande sein solle, sie unter Umständen auch auszuführen — so ist damit gerade das Eindrucksvollste, die imposante, prophetische Erhabenheit der sittlichen Forderung, die sich eben in der Gleichgültigkeit gegen alle irdischen Rücksichten, in der Para- 13 An diesem Punkte geht H. auffallender Weise fast ganz vorüber.

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