Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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Harnaok’s Vorlesungen über (las Wesen des Christenthuins. 101 sprechen. Entscheidend und ausschlaggebend ist vielmehr allein der Satz: ״Es gilt doch auch in ähnlichen Fällen für verkehrt, hervorragende, wahrhaft epochemachende Persönlichkeiten in erster Linie danach zu beurteilen, was sie mit ihren Zeitgenossen getheilt haben, dagegen das in den Hintergrund zu rücken, was eigentümlich und gross an ihnen war“. (8. 35). Das könnte ein richtiger Grundsatz sein, wenn Herr H. uns sagen wollte, was er heute für das "Wichtigste und Grösste an der Predigt Jesu hält, was ihm am meisten zu Herzen spricht. Aber wenn Herr H. behaupten will, dass diese von ihm übergeordnete Anschauung ausschliesslich Jesu geistiges Eigenthum gewesen sei, ist es ihm da nicht passiert, dass er ־— sit venia verbo — sich selbst mit Jesus verwechselt hat? Von künstlerischer Wärme kann solches zeugen, geschichtliche Darstellung ist es jedenfalls nicht. Ein Prediger darf so argumentieren, wie H. es thut, aber nicht ein Historiker. Ein anderes Beispiel: Herr H. will darthun, dass die Predigt Jesu nicht weltverneinend ist — eine schwere Aufgäbe gegenüber bekannten Stellen des Evangeliums. Sein ״en ts ch eiden der“ Beweis ist der folgende: ״In den Bing, der durch Gottvertrauen, Demuth, Sündenvergebung und Nächstenliebe bezeichnet ist, kann keine andere Maxime, am wenigsten eine gesetzliche, eingeschoben werden, und er macht es zugleich offenbar, in welchem Sinne das Gottes* reich die ״Welt“ zu ihrem Gegensätze hat. Wer den Worten ״Sorget nicht“, ״Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“ etc. etwas Asketisches mit dem Anspruch auf gleiche 1Wertschätzung zuordnet, der versteht den Sinn und die Hoheit dieser Sprüche nicht, der hat das Gefühl dafür verloren oder noch nicht gewonnen, dass es einen Zusammenschluss mit Gott giebt, der alle Fragen der Weltflucht und Askese hinter sich lässt.“ (Seite 53 f.) Ja, für Herrn H. mögen diese beiden Vorstellungen sich nicht in dieselbe Beihe stellen lassen, und für seine religiöse An־־־ schauung mag das recht ehrend sein. Dass dieselben deshalb auch für einen Mann jener Zeit einander in der Bedeutsamkeit nicht gleich waren, ist damit freilich nicht bewiesen. Gerade das Geheimnis bedeutender Persönlichkeiten besteht darin, dass sie scheinbar Unvereinbares in sich vereinen. Herr H. hebt dies selbst einmal in anderem Zusammenhänge hervor und mahnt, dass ״wir uns in die