Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
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100 Harnack’s Verlesungen ־über dag Wesen des Christenthums. zwar sehr bequem, aber es ist weder kantisch noch ganz aufrichtig.44 Aehnliches hat Grass in seiner Geschichte der christlieben Ethik hervorgehoben, indem er darauf hinweist, dass RitschFs Standpunkt in der Geschichtschreibung der dogmatische ist. Fast in jeder Hinsicht kann dies auch v־on HarnackV Vorlesungen gesagt werden. Was i h m am Christenthum wesentlich erscheint, das ist auch dem Stifter der Religion das Wesentliche gewesen. Was nach Betrachtung der geschichtlichen Wandlungen der Apologet Harnack als der Weisheit letzten Schluss, als das nach seiner Ansicht Bedeutsame und Bleibende hätte hinsfcellen dürfen, das wird von dem Historiker Harnack unberechtigtermassen in den Ursprung der Religion hineinversetzt. Nicht die Vergangenheit wird so vor uns hingestellt, sondern nur die Projection eines vorher gefassten Bildes in die Vergangenheit hinein. Die Vorträge, die eine vortreffliche apologetische Schrift hätten sein können, sind so eine sehr angreifbare geschichtliche Skizze geworden. Der Titel, der ״m eine Religion“ oder ,,mein Christ e n t h u m“ hätte heissen sollen, stellt ungenauer Weise ״das Wesen des Christenthüms“ als Inhalt hin. Hierin besteht die Atopie des Buches. Einen typischen Beleg bietet alsogleich die Feststellung des Reiches Gottes, des ersten der drei Kreise, die Harnack aus der Predigt Jesu zu bilden sucht. Harnack bemerkt richtig, dass die Verkündigung ״alle Aussagen und Formen von der alttestamentlieh gefärbten, prophetischeo Verkündigung des Gerichtstages und der zukünftigen sichtbar hintretenden Gottesherrschatt bis zu dem Gedanken eines jetzt beginnenden, mit der Botschaft Jesu anhebenden innerliehen Kommens des Reiches durchläuft“. (S. 84). Dieses Letztere hält er für die Grundform, für das wirkliche Eigenthum Jesu, alles Andere sei nur Rede in der Sprache der Zeit, eine fagon de parier.1) ,,Bewiesen4‘ wird dies auch, aber nicht etwa, wie man erwarten sollte, durch Prüfung und Vergleichung der geschichtlichen Zeugnisse, die für das eine und für das andere *) Die Sprache der Zeit scheint H. nicht genau zu kennen; die beiden verschiedenen Begriffe ״Gottesreich“ und ״Zeit des Messias“ sind streng auseinander zu halten. Die ,,politisch-eudämonistischen Hoffnungen“, von denen H. spricht, waren nicht mit dem Gottesreich, sondern höchstens mit den Tagen des Messias verknüpft.