Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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י Harnacks Vorlesungen über das Wesen des Christenthums. 99 er darf nicht sein Urtheil mit dem der dargestellten Zeit verwechseln. Er darf nicht seine Werthkategorien zu denen jener fernen Vergangenheit machen und glauben, dass die Prädikate ״wichtig und unwichtig“ damals nach demselben Massstabe beigelegt wurden, den er heute an wendet. Tempora mutantur et nos mutamur in illis. Wenn der Historiker vom Standpunkte der Gegenwart aus etwas als unwesentlich ansieht, so kann es doch in der Zeit, die er beschreibt, ein sehr wirksames und bedeutungsvolles Element gewesen sein. Er mag das tadeln und bedauern, aber er darf es deshalb jener Zeit nicht absprechen. Bei der Feststellung geschieht« licher Thatsachen — und auch die Denkart einer Person und eines Jahrhunderts ist eine geschichtliche Thatsache,— darf das Werthurtheil des Historikers nicht ausschlaggebend sein. Und auch ״der frische Blick für das Lebendige“ (S. 9) kann sehr leicht täuschen; nach dem schönen Wort des Aristoteles ist die Poesie philosophisch, aber nicht die Wirklichkeit. Da« Auge des Künstlers mit ״dem frischen Blick für das Lebendige״ hat den Historiker schon oft irre geführt. Wer eine Zeit und eine Bewegung schildern will, muss sie vor allem mit ihren eigenen Augen betrachten, mag ihm heut auch manches an ihr unharmonisch erscheinen und seinen künstlerischen Forderungen widersprechen. Dann erst darf er die Frage aufwerfen, was wir als dasWesentliche und Bleibende an jener Epoche betrachten müssen. Wer es anders macht, der setzt die Geschichtsconstruction und die Dichtung an die Stelle der Geschichtschreibung. Es ist sicherlich ausserordentlieh schwer, über den Ursprung seiner eigenen Beligion als objectiver Historiker zu reden; aber wenn man es verspricht, sollte man es auch zu halten suchen. Wenn Harnack, der Schüler RitschPs, dem nicht gerecht wird, so sieht das wie ein Erbfehler aus. Das Treffendste, was über diesen Grundmangei der Harnack’schen Schrift gesagt werden kann, ist in dem Urtheil enthalten, das Theobald Ziegler über das RitschPsche System fällt: ״Indem aus dem Werth, den die Glaubenssätze für den Menschen haben, auf deren Richtigkeit und auf die Existenz des ihnen zu Grunde Liegenden geschlossen wird, nähert sich die RitschPsche Theologie der Lehre Feuerbachs, dass der Wunsch der Tater des Glaubens sei. Gerade in dieser Wendung besteht aber das Verhängnissvolle dieser Theologie, die so kritisch anhebt und schliesslich einfach als werthvoll und damit als wahr staiuirt, was sie wünscht. Das ist *ף