Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Harnack's Vorlesungen über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 Harnack’s Vorlesungen über das Wesen des Christentliums. Auch für den Historiker Harna ck ist das Christenthum nichts anderes als drei Kreise, die ineinander fallen: das Reich Gottes, der unendliche Werth der Menschenseele und die in der Liebe sich darstellende ״bessere44 Gerechtigkeit. Das, was sonst noch im Evangelium gefunden wird, ist in Wahrheit nicht darin enthalten. Die Askese hat überhaupt keine Stelle im Evangelium; das Evangelium predigt nicht die Besitzlosigkeit, und es ist socialistisch nur insofern, als ״Solidaritäfc0 und ״Hilfeleistung״ sein wesentlicher Inhalt ist; es verbietet nicht den Kampf für das Recht, und es steht auch nicht der Culturarbeit feindlich gegenüber; der Satz ״Jesus, der Sohn Gottes44 ist etwas dem Evangelium Fremdes, aber wer das Evangelium annimmt, muss es bezeugen, dass in dem Verkünder desselben ״das Göttliche so rein erschienen ist, wie es auf Erden nur erscheinen kann44; nur ein Bekenntniss giebt es, und das ist ״der Thaterweis des Glaubens“. Das Verdienst des Paulus ist es sodann, dass er das Evangelium als die Erfüllung des Heils, als die stattgehabte Er־׳ lösung, sowrie als etwas Heues, durch welches das Alte aufgehoben wird, aufgefasst und es erkannt hat, dass dieses Neue allen gehört, und dass er es endlich mit dem geistigen ״in der Geschichte erarbeiteten Kapital44 in Verbindung ge״־ bracht hat. ״Die Erkenntnis und Anerkennung Gottes als des Vaters, die Gewissheit der Erlösung, die Demuth und Freude in Gott, die Thatkraft und Bruderliebe44, dies alles in Ve1> bindung gebracht mit dem, der diese Botschaft verkündet — das ist das Schlussergebniss, in welchem Harnack das Wesen des Christenthums ausgedrückt findet. Diesen apologetischen Zug, den weiterhin mehrere Beispiele aufweisen sollen, scheint Harnack selbst empfunden zu haben; denn es scheint, als solle dieser gerechtfertigt werden, wenn wiederholt erklärt wird, dass es die Pflicht des Historikers ist, das Wesentliche zu ermitteln. In der That: auf das Wesentliche soll der Geschichtschreiber sein Augenmerk richten, wenn er die geistige Bewegung einer Zeit schildern will. Allein zweierlei muss dabei sehr vorsichtig auseinandergehalten werden, ganz besonders vom Reiigionshistoriker: das, was jener Zeit das Bedeutungsvolle war, und das, was er selber heut, von der Höhe des erreichten Zieles herab, dafür ansieht. Dieses beides hat Harnack nicht immer streng von einander gesondert. Es ist selbstverständlieh, dass der Historiker nicht nnr erzählt, sondern auch urtheilt, sogar Partei ergreift, vertheidigt und verdammt, aber