Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- S. D. Luzzatto's Stellung zur Bibelkritik
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 478 (sequence 19)
- Language
- German
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478 S. D. Luzzatto’s Stelluug zur Bibelkritik. vollständig im Klaren, ־and mit vollem Bewusstsein wich, er vom rochierten Texte ah. Als man ihn einst darauf hinwies, dass schon die Talmudlehrer eine Erklärung gegeben hätten, die mit seiner Conjektur übereinstimme, erkannte Luzzatto dies an, fügte aber gleich hinzu, man dürfe darum keineswegs annehmen, die Amoraim hätten einen solchen Text vor sich gehabt oder gar eine Emendation desselben vorgeschlagen. 1). Seineunantastbare Frömmigkeit, seine naive Gläubigkeit nahmen keinenAnstoss daran, an der Läuterung des biblischen Textes mitzuarbeiten. DieMassora durfte keine Mildernde Schranke für die Erkenntnis der Wahrheit bilden, kein dogmatisches Bedenken, konnte von der Wiederherstellung des als richtig und ursprünglich Erkannten zurückhalten. ״Wie sollen wir Iraeliten uns verhalten, wenn derartige Auslegungen bekannt werden, steht uns doch die Massora wie eine eherne Mauer entgegen“, so fragte ihn Eapoport voller Bedenken auf die Mitteilung von seinen ersten Conjekturen hin. 2)^ Luzzatto aber antwortete ihm fest, im vollen Bewusstsein seiner Gläubigkeit: 3) ״Auf Gott stütze ich mich und sage, dass wir Israeliten einen Gott der Wahrheit verehren, vor dem Heuchelei nicht gilt, der Herz und Nieren prüft.; darum wollen wir einen Gedanken, der nicht rein ist, auslöschen aus unserem Herzen. So er uns aber rein erscheint in Wahrheit und Aufrichtigkeit, wollen wir ihn laut verkünden in öffentlicher Versammlung und nicht fürchten die Schmach der Menschen. Nachdem es uns durch unwiderlegliche Beweise klar ist, dass Vokale und Accente erst nach Ab- Schluss des Talmud entstanden sind, nachdem wir die grössten alten Erklärer ausnahmslos vielfach von ihnen abweichen sehen, warum sollen wir uns da zurückhalten, wenn wir einen schwierigen Vers sehen, den alle Erklärer vergeblich zu erläutern suchten, warum sollen wir nicht sagen, dass die alten Schreiber zu trennende Worte vereinigten? Welche Bedeutung hat denn die Massora, die Sie eine eherne Mauer nennen, wer hat sie verfasst und wann ward sie aufgezeichnet? Wissen wir’s denn nicht, dass die Massoreten erst lange nach den Punktatoren auftraten? Was wir Israeliten demnach thun wollen, wenn derartige Erläuterungen öffentlich bekannt werden? Wir wollen unsern 1l Hebr. B. S. 325 מד, שאמרת כי גם רז״ל 2) vgl, Ker. Chem. 1,22. 3) Hel>r. Br. S. 172 (Ker. Chem. III, 198).