Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- S. D. Luzzatto's Stellung zur Bibelkritik
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 474 (sequence 15)
- Language
- German
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474 S. D. Luzzatto’s Stellung zur Bibelkritik. in •ihnen, seinem scharfen Verstände offenharten sich alle Mittel, klar erkannte Fehler durch Wiedereinsetzung des Eichtigen und Ursprünglichen zu beseitigen. Im Kleinen und Einzelnen leistete er ganz Hervorragendes. Luzzatto’s Kritik beruht nicht auf flüchtiger, oberflächlicher Betrachtung, sondern auf tief ein־ dringender Forschung1), auf genauer Kenntniss der Geschickte des Kanons sowie der Entwickelung der hebräischen Schrift- Zeichen. Darum hat Luzzatto auch die seltene Genugthuuag erlebt, dass seine Vorschläge zur Verbesserung des Textes der heiligen Schrift allgemein einleuchteten und bei allen Kritikern 1 Annahme fanden. Wohlmeinende Vorsicht, fromme Besorgniss, so führt er aus, haben vermöge der Vocalzeichen und Accente, die in ihrer heutigen Form alle jüngeren Ursprungs sind und erst aus nachtalmudischer Zeit herrühren, vielfach den Text der Bibel kleinen Aenderungen unterzogen, um falschen Deutungen (wie sie z. B. im samaritanischen Pentateuch häufig vorliegen) vorzubeugen. Darum können die traditionellen Erklärungen unsere! Alten, können die Targumim, die Vocalzeichen und Accente nicht für die Exegese bindend sein; der vorurteilslose Ausleger, der lediglich die Wahrheit, ausschliesslich den schlichten Wortsinn sucht, kann sich durch sie nicht immer in seiner Forschung leiten lassen2). Die Accente wurden häufig so gesetzt, dass naheliegende anthropomorphistische oder ähnliche, gegen dieEeligion verstossende Auffassungen vermieden werden sollten. Luzza.tto, der die Accente von ganzen grossen Stücken der Bibel auswendig wusste, widmete ihnen die eifrigste Beachtung, suchte alle Stellen auf, an denen dieselben irrthümlich oder dem einfachen Sinne zuwider gesetzt sind; in seinen Commentaren gab er häufig Abänderungsvorschläge, wie er auch in den Uebersetzungen von den geläufigen Accenten vielfach abweicht3). Oft boten ihm auch seine kostbaren Handschriften und alten Drucke von *) Ker. Chem. YIII, 85 (vgl. Index raisonne, Note 273, S. 72} ומי כמוני אוהב החקירה החפשיח אבל אני מגנה הדבור ההפשי אשר אין יסודתו על החקירה המיושבת אלא על מה.שעולה על הדעת בהשקפה ראשונה. 2) Einl. zu Jesaia, IX. Grundsatz in II. Prof. Jsaia volgar. e commentato, p. 6. 3) Von den sehr zahlreichen Beispielen sei hier verwiesen auf den Commentar zu I M 1,11; 17,14; Jes. 1,13. Epistoi. S. 457ff. Hebr. Br. an Senior Sachs. S. 1207—1222 (auch כ״ח Bd. IX).