Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- S. D. Luzzatto's Stellung zur Bibelkritik
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 470 (sequence 11)
- Language
- German
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470 S. D. Luzzatto’s Stellung zur Bibelkritik. In zunehmendem Alter, nach dem Tode des Königs Hiskija, sah Jesaia seinen Einfluss anf das Volle immer mehr zurück gehen, unter der Verwaltung Manasses war kein Kaum für die Strafreden des Propheten. Darum war er geradezu darauf hingewiesen, in stiller Zurückgezogenheit seine Ideen für ein künftiges, besseres Geschlecht nieder zuschreiben. Die Zeitverhaltnisse unter Manasse gestalteten sich auch immer ungünstiger für das Bestehen Judas. Daher wurde dem Propheten immer klarer und deutlicher, dass eintreffen müsse, was er einst Hislda hei Anwesenheit der Gesandten des Königs von Babylon vorausgesagt hatte: ״Tage werden kommen etc.“ (39,6). So hatte er lange Zeit keine andere Vision als solche, die sich auf das Exil bezogen; der Gedanke an die nothwendige Fortführung des Volkes, an seine Läuterung in der Verbannung und die glückliche Rückkehr beschäftigte ihn so sehr, dass Gesichte auf Gesichte folgten, dass er Rede auf Rede häufle, die den einen Gedanken zum Ausdruck brachten. Mit dieser Annahme über die Ent- Stellung der dem Jesaia abgesprochenen Reden fällt auch das wichtigste und äusserlich ganz berechtigte Argument der Kritiker von der Verschiedenheit des Stils. Gewiss ist dieser in den späteren Reden leichter und flüssiger, einmal, weil das Alter sich breiter auszudrücken pflegt1), dann aber waren es eben aufgeschriebene Reden. Da konnte der Prophet sich nicht auf Andeutungen oder scharf markirte Pointen beschränken, die seinen Hörern, den Zeitgenossen der besprochenen und getadelten Ereignisse, sofort klar und verständlich waren, sondern musste eben seine Gedanken in weit einfacherer und deutlicherer Weise ausführen. Auf die Breite des Stils wirkte auch die Wiederholung derselben Argumente hin. Sonstige Verschiedenheiten zeigt aber der Stil in den beiden Theilen nicht. Uebrigens ist im ersten Theile nicht alles schwer, im zweiten nicht alles leicht. Die vielgerülimte und allgemein anerkannte Glätte und Eleganz im Stile des Jesaia findet sich hier wie dort, nur dass zufällig der eine mehr, der andere weniger Verständliches enthält. Darüber hinaus. Weist Luzzatto auf die Stimmung im zweiten Theil Jesaia hin. Die Reden dort sind vorzugsweise ironisch und verspottend, der Prophet kennt ausserdem zu viele Ausdrücke für Freude, er versteht zu gut im Jubel zu schwelgen, als dass er im Drucke des Exils aufgewachsen sein könnte2). A) ^ergl. ob. S. 405. 2) Hebr. Briefe S. 232.