Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- S. D. Luzzatto's Stellung zur Bibelkritik
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 462 (sequence 3)
- Language
- German
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462 S. D. Luzzatto’s Stellung zur Bibelkritik. im Zusammenhang darstellen. Daraus wird sich ergeben, dass Luzzatto’s Schwanken in dem abweichenden Charakter der für die Kritik in Frage kommenden heiligen Bücher begründet ist, dass seine persönliche Auffassung von der heiligen SchriftFuncl ihrem Texte jedoch eine durchaus einheitliche und ungetheilte war. Nach seinem exegetischen Standpunkte befragt, würde Luzzatto sich als einen freisinnigen und kritischen Bibelerkläret’ bezeichnet haben. ״Meine Methodeso äusserte er sich einmal, ״ist die der einfachen nüchternen Schriftauslegung, die dem gesunden Menschenverstand ohne jede Schwierigkeit einleuchtet“1). Im Alter von 21 Jahren hatte er bereits die feste Ueberzeugung von der Unechtheit des Koheleth ausgesprochen und ihn öffentlich mit grosser Kühnheit als eine Salomo nur untergeschobene Schrift bezeichnet. In demselben Alter hatte er bereits die Anschauung von der Jugend der Vokalzeichen und Accente in der Bibel vertreten. Ueberdies hatte er eine grosse Anzahl von Stellen, auch des Pentateuch’s, unbekümmert um Tradition und Halacha, nach dem schlichten Wortsinn .erklärt und war, wo es ihm die Erkenntniss des Zusammenhangs zu erfordern schien, selbst vor Aenderungen des massoretischen Textes nicht zurückgeschreckt2). Auch einige Verse im Jesaia (57,15—58,7) hatte er aus dem Buche ausgeschieden und als Klagelied um den Tod des Propheten für spätere Hinzufügung erklärt3). Nichtsdestoweniger gilt Luzzatto als Exeget orthodoxer Richtung. Thatsächlich war er auch ein entschiedener Gegner derjenigen Kritik, die von den Rationalisten unter den protestantischen Theologen in Deutschlaiyl gelehrt wurde; zu den״ durch diese Richtung in den Vordergrund gedrängten Fragen der Kritik verhielt er : sich durchaus ablehnend. Die Authentie des Pentateuchs und des Propheten Jesaia verteidigte er mit allem wissenschaftlichen Rüstzeug, die Annahme von Psalmen aus der Makkabäerzeit oder anderem Schriftthum so jungen Ursprungs verwarf er ganz entschieden. Aber nicht dogmatische Voreingenommenheit bestimmte seine Stellungnahme, die Tradition über die Urheberschaft der Bücher liess ihm ein nachprüfendes Urtheil *) Hebräische Briefe, S. 157. 2) vgl. Hebräische Briefe, S. 238 u. ö vgl. auch Ozar Nehmad, IV, 52. 3) Kerem Cheined VH, 225.