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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1900-01-01 · Heft 9 · p. Seite 450

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
44 (1900)
Issue
Heft 9
Article
Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
Date
1900-01-01
Page
Seite 450 (sequence 18)
Language
German
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450 Die ritueilen Reinheitsgesetze in der Bibel und iin Talmud. Der Leichnam und das Grab im offenen Raume inficiren nur bei unmittelbarer Berührung. Aber die alte Halacha fasst unter den Begriff ״Zelt“ auch die Bälle zusammen, in denen die zu inficirende Person sich über oder unter dem Grabe befindet, selbst ohne mit diesem in unmittelbare Berührung zu kommen. Im ersten Falle ״bezeltet“ (מאהיל), wie der Sehulausdruck lautet, der Mensch das Grab, d. h. bildet er mit seinem Leihe ein Zelt über dem Grabe, im zweiten Falle ״bezeltet“ das Grab den Menschen, d. h. bildet es ein Zelt über dem Menschen. Ueberhaupt verbreitet die in einem engen Raum eingeschlossene Leiche (טומאה רצוצה, gedrückte Unreinheit) die Infection, so lange diese nicht auf einen anderen, eng begrenzten Raum stösst, nach oben bis zum Himmel, nach unten bis zum Abgrunde. Im Avesta finden wir freilich nichts dem Aehnliches, aber dort kann überhaupt von Gräbern nicht die Rede sein, da die Beerdigung der Todten von der Religion Zoroaster’s streng verboten wird; dennoch hat die eben erwähnte Vor- Stellung, laut welcher das Grab die Fähigkeit besitzt, die Infection nach oben und nach unten hin zu verbreiten, unzweifelhaft bei den Persern bestanden. Wir erinnern an die bekannte Erzählung Herodots von der Weigerung des Darius, durch ein Thor zu passiren, unter welchem sich das Grabmal einer babylonischen Königin befand1). Laut der oben angeführten Regel durfte auch ein Jude, selbst ein Laie, ohne dringenden Zwang ein solches Thor nicht passiren; dem Priester war es absolut verboten. Eine gewisse Analogie hiermit bietet die Erzählung der Mischna von den Bauten, welche in Jerusalem auf geführt wurden, um absolut reine Personen für die Betheiligung an der Ceremonie des Verbrennens der rothen Kuh vorzubereiten, deren Asche zur Zubereitung des Reinigungswassers verwandt wurde. Diese Ceremonie wurde mit grosser Feierlichkeit begangen. Die rituelle Reinheit der bei derselben fungirenden Priester musste über allen Zweifel erhaben sein. Eine Woche vor dem für die Ceremonie anberaumten Tage verliess der sie vollziehende Hohepriester seine Wohnung und bezog eine ihm beim Tempel angewiesene Zelle; zur grösseren Vorsicht f) Wir bemerken beiläufig, dass aus dieser Thatsache gefolgert werden kann, dass die oben citirte Bestimmung des Avesta, nach welcher die Leiche eines DaevayaQna, d. h. Ungläubigen, nicht inficirt, ein Product späterer Zeit ist. Die babylonische Königin war ja eine Daevaya^na.

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