Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 451 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829741-2829751-2882989--30256-2883019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. 451 besprengte man ihn täglich mit Reinigungswasser. Um dessen sicher zu sein, dass das für die Zubereitung des Reinigungs״ wassers benutzte Quellwasser absolut rein sei, d. h. dass der Wasser schöpf er nie, selbst unbewusst, irgend welcher Infection respective Verunreinigung unterworfen war, gab es in Jerusalem besondere auf jungfräulichem Felsen erbaute Häuser, wodurch jede Möglichkeit ausgeschlossen war, dass unter ihnen, im Innern der Erde, ein menschliches Grab tothanden sein könne. Dahin wurden schwangere Frauen gebracht, welche dort ihre für den künftigen Dienst des Wasserschöpfens bestimmten Kinder gebaren und bis zu einem gewissen Alter erzogen. Für die Theilnehmer an der Ceremonie, welche sich von dem Tempelberge nach dem Oelberge, wo die Kuh gewöhnlich verbrannt wurde, zu begeben hatten, wurde ein Stieg mit complicirten Bogen System errichtet, damit nicht eine ununter״ brochene Verbindung zwischen den Fusssohlen der Dahin״ schreitenden und einem etwa im Innern der Erde verborgenen Grabe (קבר התהום) stattfinde1). Es ist selbstverständlich, dass es vergebliche Mühe wäre, alle diese Vorsichtsmassregeln durch hygienische Erwägungen erklären zu wollen. Andererseits aber kann man nicht umhin anzuerkennen, dass die mit der Lehre von den Gräbern im Zusammenhang stehende Lehre von den ״Zelten“ (אהלות) von einer durchaus rationellen Leitidee durchdrungen ist. Der sehr umständlichen und verwickelten Kasuistik von an einander grenzenden und mit einander communicirenden ״Zelten“, deren genaue Auseinandersetzung uns zu weit führen würde, liegt augenscheinlich der richtige Gedanke zu Grunde, dass in eng abgeschlossenen Räumen die Leiche hei ihrer Zersetzung ansteckende Gase entwickelt, welche die Eigenschaft haben, sich nach der Richtung hin auszubreiten, wo sie am wenigsten Widerstand finden (nach dem Ausdrucke der Mischna2): ״es ist die Art der Infection, durch eine enge Oeffnung hinauszugehen, nicht aber hineinzugehen“), und dass selbst aus sehr engen nnd von allen Seiten umschlossenen Gräbern (אה/ סתום) die Gase in gleicher Weise nach allen Seiten hin durchdringen. (Ports, folgt.) *) Mischna Para III, 1—3. *) Mischna Oholoth III, 7. 29’