Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 445 (sequence 13)
- Language
- German
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Die rituellen Beinlieitsgesetze in der Bibel und im Talmud. 445 Körper mit einem Male gewaschen werden durfte, sondern gliederweise und zwar in einer genau bestimmten Reihenfolge. Der Anfang wurde mit den Händen gemacht, darauf folgten Stirn, Zwischenraum zwischen den Augenbrauen, Nacken, Wangen, rechtes Ohr, linkes Ohr, rechte Schulter, linke Schulter u. s. w. immer niedriger herabsteigend bis zu den linken Fusszehen. Nur auf diese Weise kann der böse Geist von dem unreinen Menschen, von welchem er Besitz genommen hat, gebannt werden. Unter dem Einflüsse dieser Waschung und der dabei recitirten Beschwörungsformeln entweicht der böse Geist durch die linken Fusszehen in Gestalt einer Fliege, welche nach ״lautem Aufschreien“ todt niederstürzt1). Endlich noch verlangt das persische Ritual, dass die Reinigung unbedingt von einem Priester (Athrava) vollzogen werde, der das mazdayafnische Gesetz gründlich kennt und das Manthra (Avesta) zu recitiren im Stande ist, und zwar nicht unentgeltlich, sondern durchaus gegen eine bestimmte Gratifleation. Interessant ist die im Avesta für die Vollziehung der Reinigung festgestellte Taxe: Einen Priester reinigt man für seinen Segen, einen Bezirksvorsteher für ein grosses Kameel, einen Stadtvorsteher für ein grosses Pferd, einen Dorfvorsteher für einen grossen Stier, einen Hausherrn für eine Kuh u. s. w., mit einem Worte, es wird unbedingt verlangt, dass ״der Priester froh, heiter und ohne Groll im. Herzen fortgehe.“ Ausser dieser complicirten Reinigungsform, welche nur bei schweren Verunreinigungen, wie z. B. der Berührung einer menschlichen Leiche, in Anwendung kam, gab es noch eine andere, einfachere Reinigungsform für leichtere Unreinheitsfälle, bei welcher man sich mit neun — oder auch nur dreimaligem Begiessen begnügte. Jetzt, nachdem wir die Reinigungsmethoden der alten Perser kennen gelernt haben, wird uns der Sinn der oben angeführten Halachoth mit einem Male verständlich. Bei den Persern war das Tauchbad dem Unreinen strengstens verboten, Esra dagegen hat das Tauchbad als einzige Reinigungsform für den Unreinen angeordnet. Das Avesta verlangt die Waschung der einzelnen Körpertheile in bestimmt vorgeschriebener Reihenfolge, die alte Halacha dagegen fordert, dass der Wasserinhalt des Bassins ein solcher sei, dass der ganze Körper mit einem Male darin untergetaucht werden könne, dass aber in keinem Falle die einzelnen Körpertheile einer nach b Yendidad, Fargard IX.