Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
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442 Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. die eben erwähnte Neuerung Esra oder der grossen Synagoge überhaupt zuschreiben dürfen, eher muss man hierin einen Volksbrauch sehen, der den Persern gegen den Wunsch der Gesetzeslehrer entlehnt worden ist. Im Ayesta wird unauf״ hörlich eingeschärft, dass Gebete und heilige Hymnen nur im Zustande körperlicher Reinheit recitirt werden dürfen. Zuerst begegnen wir diesem Brauche bei der Secte der Essäer, in deren Lehre sich überhaupt manches Persische befindet, und von den Essäern ist er in’s Volk gedrungen und hat die Institution der rituellen Reinheit selbst lange überlebt. Daher erklärt es sich, dass einige hervorragende Gesetzeslehrer sich ablehnend diesem Brauche gegenüber verhalten haben. Von dem bekannten R. Juda ben Bethera, welcher im ersten nachchristl. Jahrh. in Nisibis lebte, wird im Talmud Folgendes erzählt: ״Einer seiner Schüler sass einst vor ihm und murmelte leise und unverständlich vor sich hin. Da er im Zustande ritueller Unreinheit sich befand, so getraute er sich nicht, die Worte der Heiligen Schrift laut und vernehmlich auszusprechen. ״Oeffne DeineKMund“, rief ihm der Lehrer zu, ״und hell erleuchte Deine Rede, denn so heisst es: Ist nicht mein Wort so wie Feuer, spricht der Ewige, und wie ein Hammer, der Felsen sprengt? (Jeremia XXIII, 2tf). Ebensowenig wie Feuer inficirbar ist, ebensowenig sind es die Worte Gottes1).“ Durch diesen Ausspruch wollte Juda ben Bethera, wie es scheint, auf den fundamentalen Unterschied zwischen dem Mosaischen Gesetze und dem des Avesta hinweisen. Ina erstem! gilt das Feuer aLs Desinfectionsmittel, während es, nach dem Avesta, das grösste Verbrechen ist, etwas Unreines mit dem Feuer in Berührung zu bringen. Kehren .wir jedoch zu dem oben angeführten talmudischen Ausspruchej^zurück, welcher lautet: ״Esra hat das Tauchbad nach einer^fpollutio nocturna angeordnet.“ Unserer Ansicht nach liegt hier "das Schwergewicht auf dem Worte ״Tauchbad“ (ל( סבילה und in diesem Falle erhält dieser Ausspruch die Bedeutung eines historischen Zeugnisses von grosser Wichtigkeit. Ob nun Esra selbst oder die von ihm sich herleitende grosse Synagoge^ das|Tauchbad als allgemeine Reinigungsnorm festgesetzt hat, jedenfalls war dieses eine wichtige Massregel, um *) Jeruschalmi, [Tr. Beracboth III, 4 (ecl. Shitomir f. 24 a); Babli, Tr. Berachoth 22 a: פתח פיך ויאירו דבריך הלא כה דברי כאש נאום ה/מה אש אינו מקבל טומאה אף דברי.. תורה אינן מקבליך טומאה.