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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1900-01-01 · Heft 9 · p. Seite 441

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
44 (1900)
Issue
Heft 9
Article
Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
Date
1900-01-01
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. 441 Leben der Gefahr auszusetzen (z. B. sich an einem Seile vom Schiffsrande ins Meer hinabzulassen), um nur nicht die vom Gesetze vorgeschriebene Waschung hinauszuschieben, obgleich ihnen weder der Genuss sacraler Speise, noch die Lectiire der Heiligen Schrift bevorstand. Ich führe hier eine dieser Er- Zählungen an: ״Ein Weinbergswächter begegnete einst einem Weibe an einem menschenleeren Orte und trat an sie mit ungeziemenden Vorschlägen heran. Ihre Bemerkung, dass sie verehelicht sei, hielt ihn von seinem Vorhaben nicht ab. Ais sie sich so ganz in seiner Gewalt sah, rief ihm das erfinderische Weib zu: Nun wohl, aber wo willst du Wasser hernehmen, um später die vorgeschriebene Waschung zu vollziehen? Die Aussicht, einige Zeit im Zustande ritueller Unreinheit bleiben zu müssen, machte ihn bedenklich. Sie begannen nun gemeinschaftlich sich nach Wasser umzusehen, unterdess aber zeigten sich vorübergehende Leute, und das verbrecherische Vorhaben blieb unausgeführt*).“ Wäre die Waschung, wie der Talmud meint, nur denjenigen vorgeschrieben, welche sich mit dem Studium der Thora beschäftigen wollen, was ginge sie den Helden unserer Erzählung an? Hatte denn der unsittliche Wächter wirklich nichts Eiligeres zu thun, als bald nach geschehener That sich an die Heilige Schrift zu setzen? Dennoch enthält die erwähnte Antwort des Talmuds unzweifelhaft einen richtigen Gedanken und zwar den, dass nach dem Mosaischen Gesetze der im Zustande der Unreinheit Befindliche sich weder der Lectüre der Heiligen Schrift, noch des Gebetes zu enthalten hat und dass die Forderung einer Beinigungsproeedur vor diesen Beschäftigungen erst in nachbiblischer Zeit entstanden ist. In der Heiligen Schrift heisst es: ״Und Du sollst von ihnen (den Worten Gottes) reden, wenn Du sitzest in Deinem Hause, wenn Du gehest auf dem Wege, wenn Du dich hinlegst und wenn Du aufstehst.“ (Deuteron. VI, 7), ohne dass je für den im Zustande der Unreinheit• Befindlichen eine Ausnahme gemacht wird. Vom rationellen Gesichtspunkte aus, von welchem die Mosaische Institution der rituellen Reinheit durchdrungen ist, liesse sich eine solche Ausnahme auch durch nichts motiviren. Aber kaum wird man *) Jeruschalmi, Tr Berachoth III, 4 (ed. Shitomir f. 23b); Babli tr. Berachoth 22 a. Die Version des babylonischen Talmuds ist weniger ausführlich, undRaschi, um die Schuld des Wächters zu mildern, bemerkt, dass das Weib nicht verheirathet war; der jerusalemische Talmud jedoch spricht ausdrücklich von einer verehelichten Fran.

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