Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
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440 Die rituellen Reinheitsgeset&e in der Bibel und im Talmud. nach einer pollutio nocturna angeordnet hat (ותקן טבילה לבעלי 1(קרץ). Diese Mittheilung erscheint mehr als sonderbar, und. schon der Talmud, indem er die oben erwähnte Liste citirt, wirft die Frage auf, wozu es Esra nöthig gehabt habe, diese Waschung anzuordnen, da sie ja schon vom Mosaischen Gesetze vorgeschrieben werde. Die hierhergehörigen biblischen Texte lauten: ״Und so von jemandem der Samen abgeht, so bade er im Wasser seinen ganzen Leib und ist unrein bis zum Abend. Und ein Weib, die ein Mann beschläft . . so baden sie im Wasser und sind unrein bis zum Abend״ (Levit. XV, 16. 18). Ja selbst für die Kriegszeit bestand, wie wir schon früher gesehen haben, die Vorschrift, dass der Krieger, welcher aus eben solcher Ursache unrein wurde, sich aus dem Lager entfernen musste und nicht früher dahin zurückkehren durfte, bevor er sich nicht durch Waschung gereinigt• hatte. ״Wenn unter dir ein Mann ist, der nicht rein ist durch ein nächtliches Begegniss, so soll er hinausgehen ausserhalb des Lagers, nicht soll er kommen innerhalb des Lagers. Und es geschehe, gegen Abend soll er sich im Wasser baden, und bei Sonnenuntergang darf er innerhalb des Lagers kommen.״ (Deuteronom. XXIII, 11. 12). Der Talmud beantwortet die von ihm aufgeworfene Frage dahin, dass das Mosaische Gesetz die Waschung nur denjenigen vorschreibe, welche geweihtes Brod (תרומה) und Opferfleisch als Speise gebrauchen wollen, während Esra die Waschung auch denjenigen zur Pflicht gemacht hat, welche sich mit der Lectüre der Heiligen Schrift beschäftigen wollen. Diese Antwort beseitigt jedoch durchaus nicht die angegebene Schwierigkeit, denn die eben angeführten Texte aus Leviticus heziehen sich auf Laien und enthalten nicht den geringsten Hinweis auf Sacrales. Noch weniger kann im deuteronomischen Texte von Sacralem die Rede sein, da es sich hier um Kriegszeit und Aufenthalt im feindlichen Lande handelt. Sodann theilt uns der Jerusalemische Talmud gelegentlich der in Rede stehenden Waschung einige höchst charakteristische Erzählungen aus dem Volksleben mit, welche zeigen, bis zu welchem Grade die Beobachtung der rituellen Reinheit in der Volkssitte sich eingebürgert hatte. Das Bewusstsein, sich im Zustande der Unreinheit zu befinden, war für den Juden der damaligen Zeit, selbst für den Mann aus dem Volke, so peinlich und drückend, dass sogar sittlich verdorbene Individuen nicht zögerten, ihr *) Baba kamma 82 a.