Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
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Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. 439 Die Institution der rituellen Reinheit in der Gestalt, in welcher sie in der Mischna dargelegt wird, bietet eine ganze Reihe von Verordnungen und Bestimmungen, die beim ersten Blick durchaus nicht aus den entsprechenden Texten der Heiligen Schrift hervorgehen, ja ihnen zuweilen geradezu widersprechen. Einige dieser Bestimmungen sind namhafte, d. 11. werden dem einen oder dem andern Gesetzeslehrer zugeschrieben, dessen Lebenszeit und Thätigkeit uns wohl bekannt sind, andere dagegen sind namenlose, und diese letzteren erhielten in der Folge die Bezeichnung ״sinaitische Halachoth“, d. h. Be- Stimmungen, die Moses auf dem Berge Sinai empfangen hat (הלכה למשה מסיני), obgleich in den alten Denkmälern, der Mischna undderTosephta, nur äusserst wenige namenlose Halachoth unter dieser Bezeichnung angeführt werden. Das Wesen dieser sogenannten sinaitischen Halachoth ist von Krochmal1), Frankel2), Weiss3) und Zweifel4) eingehend behandelt worden, und es kann jetzt als ansgemacht gelten, dass ein bedeutender Theil dieser namenlosen Halachoth der Zeit der Soferim, d. h. noch der vormakkabäischen Epoche angehört. Eine genauere Analyse einzelner dieser Halachoth bietet wirklich die Möglichkeit, mit genügender Wahrscheinlichkeit das höhere Alter derselben festzustellen. So scheint es sehr wahrscheinlich, dass die die rituelle Reinheit betreffenden Halachoth, welche beim ersten Blick als völlig zwecklos erscheinen und erst bei einer Vergleichung der jüdischen Reinheitsgesetze mit denen der alten Perser Sinn und Bedeutung erhalten, der Epoche der persischen Herrschaft angehören, und nicht, wie manche jüdische Gelehrte vermuthen5), unter dem Einflüsse der Zoroastrischen Lehre entstanden sind, sondern vielmehr den Zweck hatten, diesem Einflüsse nach Möglichkeit entgegenzuwirken. Zur besseren Illustration dieser Behauptung sei es mir ge־ stattet, die Geschichte einer dieser Bestimmungen vorzuführen, deren Ursprung die Tradition der in Rede stehenden Epoche direct zuweist. Die Tradition hat uns nämlich eine Liste von religiösen Bestimmungen erhalten, welche Esra, so zu sagen dem Stifter der grossen Synagoge, selbst zugeschrieben werden. Unter Anderem wird dort mitgetheilt, dass er das Tauchbad *) Moreh Nebuche ha-Se111an, Lemberg 1863, S. 162 ff. 2) Darke ha-Mischnah, S. 20 f Hossaphot, S. 1. 3) Dor dor we־dorschaw I, S. 35ff. 4) «anegor, Warschau 1885, S. 122 ff. 6) Schon, ha-Chaluz VII; Graetz, Geschichte der Juden II, 2 Hälfte, S. 194 u. 199.