Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
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438 Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud. gestattete Dinge, um so die Uebertretung des Gesetzes selbst zu verhindern. Z. B., verbietet am Sabbatli eine Lampe zu berühren, um auf diesem Wege dem Anzünden derselben vor־־ zubeugen, was geradezu vom Gesetze verboten wird. Diese Deutung wurde wirklich dem erwähnten Ausspruche von den späteren Gesetzeslehrern zu Theil1). Es ist indess möglich, dass sein ursprünglicher Sinn ein etwas anderer war, und zwar: machet einen Zaun um die Thora, d. h. bewahret die Thora vor dem Eindringen ihr fremder heidnischer Elemente, verbietet zuweilen das, was an und für sich weder schädlich noch tadelnswerth ist, sobald es nur in irgend einer Beziehung zum heidnischen Kultus steht2). Solches ist vollkommen im Geiste der Mosaischen Lehre. Wir haben früher gesehen, dass, nach der Erklärung des Maimonides, ein bedeutender Theil der Mosaischen Verbote ihre Entstehung dem Streben des Gesetzgebers verdankt, alles das von dem jüdischen Leben fern zu halten, was auf den heidnischen Kultus Bezug hat, da äussere Kundgebungen und Symbole gewisser Ideenvorstellungen oft als die besten Verbreiter dieser Vorstellungen dienen. Zur Zeit der persischen Oberhoheit war die Gefahr einer Verbreitung der religiösen Vorstellungen und Gebräuche des Parsismus in der jüdischen Volksmasse besonders stark, weil der persische Dualismus in seinen Grundzügen sich weit eher dem jüdischen Monotheismus nähert, als der semitische Kultus des Baal und der Astarte. Der Einfluss des Parsismus auf die Weltanschauung der Juden der nachbiblischen Periode wird schon längst von allen Historikern als etwas vollkommen Erwiesenes betrachtet, und die dem Mazdaismus eigenthiimliche spiritualistische Vor- Stellung von der rituellen Unreinheit blickt selbst in den dürftigen Angaben durch, die sich über diesen Gegenstand bei den letzten Propheten erhalten haben3). Aber wenn auch Grenzsperre und Quarantaine gegen das Eindringen von Ideen und Ueberzeugungen machtlos sind, so lässt sich dieses hinsichtlich äusserer Gebräuche und Ceremonieen nicht sagen; gegen diese letzteren kann ״ein Zaun gemacht werden,“ und das eben war es, was die Männer der grossen S}magoge sich ganz besonders angelegen sein liessen. *) Aboth derabbi Nathan I. a) So erklärt auch diesen Ausspruch Leopold Loew, Gesammelte Schriften I, S. 430. 3) Beim Propheten Zacharia (XIII, 2) begegnen wir zuerst dem Ausdrucke רוח הטומאה (Geist der Unreinheit), welcher auf eine Vorstellung von der Unreinheit als etwas Geistigem hinweist.