Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 44 (1900)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die rituellen Reinheitsgesetze in der Bibel und im Talmud
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
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Die rituellen Reinheitsgesetzc in der Bibel und im Talmud. 437 nicht, eher unzweifelhaft waren sie vom Volke anerkannt. Auch die Propheten, wenigstens zur Zeit der Könige, waren keine officiell anerkannte Corporation, aber dennoch war ihr Einfluss auf ihre Zeitgenossen und Nachkommen ein sehr bedeutender und erfolgreicher. Die Tradition sieht mit Recht in den Männern der grossen Synagoge die Fortsetzer des Propheten- Werkes. Sowohl jene wie diese personiflciren einen Protest gegen die ihre Gewalt missbrauchende Priesterkaste, nur mit dem Unterschiede, dass die Männer der grossen Synagoge bedeutend hinter ihren Vorgängern Zurückbleiben, sowohl hinsichtlich der Weite ihres Gesichtskreises wie auch der Kühnheit des Protestes selbst. Indem sie den langen und erfolglosen Kampf der Propheten gegen den Opferkultus aufgaben und die Ceremonieen überhaupt als dem Volke nothwendige äussere Symbole gewisser religiöser Ideen anerkannten, begnügten sie sich damit, dass sie neben dem Tempel die Synagoge errichteten und einen Gebetskultus als Gegengewicht gegen den Opferkultus schufen. Aber ihr Hauptverdienst bestand in der Emancipation des Volkes von der geistigen Vormundschaft des Priesterstandes, einer Emancipation, welche durch eifrige Verbreitung der Gesetzeskenntniss in der Volksmasse erreicht wurde. Der einzige Spruch, welcher den Männern der Grossen Synagoge von der Tradition zugeschrieben wird, lautet: ״Seid bedachtsam im Urtheilsprechen, stellet• viele Schüler auf und machet einen Zaun um die Thora 1). “ Der Sinn dieses Trilogions ist vollständig klar; es entspricht ganz der damaligen Sachlage und dem Charakter der Zeit. In Anbetracht der Wiederherstellung der Macht der Thora mit ihrem strengen Strafsystem war es geboten, den Richtern Bedachtsamkeit und eingehendes Erwägen der Schuld des Angeklagten anzuempfehlen. Durch diesen Ausspruch haben die Männer der grossen Synagoge den Grund zum späteren Pharisäismus gelegt, welcher die Todesstrafe fast völlig auf hob. Der zweite Ausspruch: ״stellet viele Schüler auf“ bedarf keines Commentars. Der Geschlechtsaristokratie der Priester, welche immer geneigt war, ihren Einfluss zu missbrauchen, konnte nur durch eine zahlreiche Klasse von Geistesaristokraten die Waage gehalten werden. Der dritte Ausspruch: ״machet einen Zaun um die Thora“ wird gewöhnlich so gedeutet: verbietet gewisse an und für sich vom Gesetze *) Mischrtah Aboth. I.